Rad am Ring

Rad am Ring

Es ist Winter als wir bei Thorsten im Büro stehen, einen Espresso schlürfen und über Gott und die Welt der Rennradkultur sprechen. Ganz nebenher lässt Thorsten einfließen, dass ich dieses Jahr bei "Rad am Ring" mitfahren soll, so ein gemütliches Team-Event am Nürburgring. Während ich noch auf den Resten meines Kekses rumbeiße, höre ich mich selbst sagen: „Klar, machen wir ..."

 

160827 Hohe AchtKlar machen wir? Bis zu diesem Abend wusste ich nicht einmal, das am Nürburgring auch Radrennen stattfinden. Das Teil ist doch die Nummer für Autos? Außerdem bin ich in meinem ganzen Leben noch kein Rennen mitgefahren. Ich fahre durch die Landschaft, von Espressobude zu Espressobude. Egal, es ist Januar und der Juli ist lediglich eine ferne Ahnung. Das wird schon, erstmal noch ein Keks.

 

Wie das dann mit diesen fernen Ahnungen so ist, plötzlich stehen sie vor der Tür und klopfen leise an. Mein Trainingsplan für dieses Event startete 5 Tage vorher und wurde auch nicht unbedingt ganz konsequent eingehalten. Während sich die allgemeine Grundstimmung im Team auf Männerwochenende einpendelt, was ich für mich stets mit „unbequem" übersetze, habe ich direkt die Weichei-Karte gezogen und mich im Hotel an der Strecke eingemietet.

Erster Treffpunkt des Teams ist Samstagmorgen um 10:00 Uhr bei Jörg, der einen Stand auf der Messe hat. Eine der grandiosen Eigenschaften in unserem 8er Team ist es, dass zwar alle Thorsten kennen, welcher offenbar eine ganze Menge Kekse im Winter verteilt hat, aber untereinander keiner keinen kennt. So kommt es, dass sich um 10:00 Uhr morgens 7 Typen am Adidas Stand rumdrücken und in die Gegend schauen, so als wäre man zufällig hier. Da wird dann nochmal schnell das Handy rausgeholt, im Mailverlauf nachgeschaut, wie doch gleich die Namen der anderen sind. Blick vom Handy hoch: „Bist Du Ben?" Bin ich!

 

160827 ZieleinfahrtUnd so werden aus 8 Individuen das Team "Cycle Cafe Bodensee", was für eine irre Truppe. Wir haben wirklich alles mit an Bord, was man für einen Roman übers Rennradfahren braucht. Jörg, der Sportliche, mit einer klaren Orientierung auf die Platzierung. Schon in den ersten Gedanken dabei, eine grundlegende Taktik ins Spiel zu bringen und etwas von einer Ideallinie zu fabulieren. Ideallinie? Zippo, Weltmeister unter den Journalisten, grundlegend gemütlich, liebenswert und unterwegs auf seinem 1996 erworbenen pinken Renner. Auf dem Oberrohr kleben die Fotos seiner Kinder, eine Symphatie-Granate. Zippo ist der ruhige, der alles locker angeht und später dann die Top Zeiten raushaut, nebenher auch nachts gleich zweimal auf der Piste steht. Ralf, dessen Qualitäten als bayrisches Urgestein sich später zeigen sollen, als er spontan mit frischem Schnitzel und Kartoffelsalat im Bauch einspringen wird und dabei noch eine Runde aufs Parket legt, welche noch immer 5 Minuten schneller als meine Bestzeit ist. Vielleicht hat Antenne Bayern einfach doch Recht und in Bayern wohnen die besseren Menschen, ich weiß es ja auch nicht. Jesper, unser Quoten-Däne. Keiner von uns fliegt so schnell über die Strecke wie er, gleichzeitig hat aber auch niemand von uns seinen Start so oft verpennt wie er. Die grundlegende Problematik bestand wohl darin, dass wir organisatorisch nicht auf allerhöchstem Niveau unterwegs gewesen sind und Jesper, des Deutschen nicht mächtig, seine Schwierigkeiten damit hatte, den sich minütlich ändernden Timetable mit unseren Startzeiten zu überblicken. Unvergessen die Nachrichten in unserer WhatsApp-Gruppe morgens um 07:00 Uhr: „Jesper? Wo bist Du?" Pause „Jesper, du bist dran." Pause „Ist hier IRGENDWER in der Nähe?"

 

160827 4Unser Grundsatz war es, auf der Strecke konsequent ans Limit zu gehen, in der Wechselzone konnte man sich dann aber auch mal Zeit lassen. Wichtig ist es einfach, bei sportlicher Höchstleistung in der Boxengasse einen Eindruck von völliger Gelassenheit zu verbreiten. Das ist Radsport! Dann war da noch Jan-Peter, Teamleiter, Vordenker und Bäcker! Und was für ein Bäcker! Wir hatten definitiv die beste Verpflegung aller Teams. Vergessen wir mal kurz die Gels und Drops. Linzertorte! Gott, ein Gedicht! Thorsten, der uns alle in dieser Box versammelt hatte, war auch mit in dieser harmonisch eloquenten Truppe. Als Mitveranstalter der ganzen Aktion am Nürburgring hatte er eigentlich bis unter die Haarspitze Termine und trotzdem war er es, der morgens um 06:00 Uhr ganz zufällig durch die Boxengasse schlenderte und einspringen konnte, als mal wieder kein Fahrer zum Wechseln bei uns vor Ort war. Es gibt Menschen, die sind einfach wandelnde Phänomene. Dann wäre da noch Uwe, ein Mega Sportler und Triathlet, dem aber leider spontan einfiel, dass er nachtblind ist und daher bei dem 24h-Rennen ungern nachts fahren würde. Tja und ich, genussorientierter Espresso-Fahrer auf seinem ersten Wettkampf. Das muss ja alles fluppen.

 

Vor der ersten Runde war mein Puls bereits auf knapp 160 Schlägen, man könnte also sagen ich hatte die Hosen voll. In der Sprache des Radsports würde man hingegen formulieren, ich habe mich ordentlich warm gefahren. Jesper war unser Startfahrer und schaffte es bereits zum Start den Spannungsbogen, ob er denn pünktlich vor Ort sein würde, auf die Spitze zu treiben. 10 Minuten vor Start rollte er mit dänischer Ruhe in die Box ein. Die ambitionierten Teilnehmerunter uns waren bereits fix und fertig. Dann allerdings legte er mal spontan eine 42er Runde in die Eifel und auf einmal schien hier im Team alles machbar. Hatten wir vorher mal grob mit 60 Minuten pro Fahrer gerechnet, setzten die Jungs jetzt hier mit Zeiten zwischen 40-50 Minuten andere Signale. Mir schmeckte Linzer Torte immer besser.

Und dann war es soweit, ich stehe in der Boxengasse auf meinem Rad und warte auf meinen ersten Einsatz. Was mag da jetzt kommen? Durch den Kopf schießen mir in diesen Sekunden nochmal die zahlreichen Legenden um diese Strecke. Fuchsröhre, hohe Acht, mit 100 Sachen abwärts.

 

160827 1Mein Fahrer kommt, Transponder-Übergabe, losrollen, Garmin starten, Puls 163, ich flippe aus. Das wird ein Fest hier. Ich donnere durch die Boxengasse raus auf die Strecke. Die erste kleine Steigung nehme ich gleich ohne runterschalten. Linkskurve und dann geht es runter, vor mir reisst das Panorama der Eifel auf und ich fliege eine Abfahrt runter. Langgezogene Rechtskurve, Wahnsinn.

 

Geiler Asphalt, super Strecke. So geht es weiter, Tempo bei 50km/h und höher. Völlig verrückt! Ich ziehe an mehreren Fahrern vorbei. Verdammt, ich bin der König der Welt! Die ersten 4 km machen mich irre. Ich habe keine Ahnung wo und wann diese Fuchsöhre kommt, aber mein Tempo steigert sich weiter konstant. In meinem Kopf vermischen sich Adrenalin und Endorphin zu einer gefährlichen Mischung, jetzt scheint alles machbar. Das wird was hier!

Nach knapp 17 Minuten zeigt der Tacho bereits 12 km an, ich rechne das kurz hoch. Wow, wow, wow, ich rocke das Ding! Das ist Top Gun! Maverick an Tower: „Haltet den Champus bereit Jungs!"

 

Während sich in meinem Kopf schon Bilder des Jubels abzeichnen, verliert mein Rad plötzlich an Fahrt. Was ist da los? Es ist ein Gefühl, als wäre der Motor plötzlich aus. Ich schaue verstört runter auf die Kette. Die liegt drauf, da ist alles in bester Ordnung. Das Treten wird schwerer, ein Blick nach links und rechts gibt mir zumindest die Sicherheit, ich bin hier nicht der einzige mit Motorschaden.

 

Ja verdammt, ist das schon diese 17 % Rampe jetzt? Nein, was ist das? Garmin zu Rate ziehen. Es sind 5 %, nein 6 %, 6, 5 %, 7% .... was zur Hölle? Es zieht sich. Riesen Sauerei! Das ist ja ein Mist, bislang hat mich mein 160er Puls nicht sonderlich gestört, jetzt aber steigt er auf 170, Tendenz nicht unbedingt stagnierend.

Das geht immer weiter und weiter. Das ist doch alles künstlich hier. Gefühlte 4 Stunden quäle ich mich da hoch, mein Garmin spricht von 5 Minuten, wir haben Meinungsverschiedenheiten. Da kommt ein Schild am Rand „Steilstrecke". Ja super, danke für den Hinweis.

 

Blick nach rechts, nach rechts oben, es wird höher gehen. Die Räder vor mir wanken im Wiegeschritt. Neben der Strecke schieben einige. Niemals, das ist nicht drin. Wenn ich hier absteige, steige ich nicht wieder auf, weiter.

Die Bilder der Feier zu Ehren meiner neuen Rundenbestzeit beginnen sich im Nebel zu verlieren. Möglicherweise fahre ich auch einfach eine ganz normale Rundenzeit, könnte sein. Ich wanke den Hügel hoch, bringe mich in meinen Tritt. Ziehe sogar an einigen links vorbei, frage mich dabei allerding selbst, was ich da eigentlich mache? Mein Puls gibt alles, um mir zu verdeutlichen, dass ich nicht links vorbeiziehen sollte. Ich gebe alles, um das zu ignorieren und mein Kopf gibt alles, um sich für die Zukunft ein anderes Hobby auszudenken. Computer spielen, das hat mir doch auch immer Spaß gemacht. Warum denn so einen Bockmist hier? Himmel!

Die Strecke flacht etwas ab, war es das? Geschafft? Wie geil, ich bin der Größte, ich bin oben! Yes! Sie fürchten weder Tod noch Teufel.

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Rechtskurve, Linkskurve und eine Wand? Was zur Hölle ist das denn? Da steht eine Wand! Von rechts höre ich durch das Keuchen wie ein Fahrer zu seinem Kumpel sagt „Hohe Acht, hau rein!"

Ich kriege die Tür nicht zu. Die Strecke zieht an. Das geht doch gar nicht! Welcher Praktikant baut den so eine Strecke. Ich fasse es nicht. 14 – 15 % tickern über mein Garmin. Mir schießen Gedanken an Jörgs Worte zur Ideallinie durch den Kopf. Ich hätte da auch einfach mal besser zuhören sollen. Plötzlich erscheint mir jeder Meter den ich sparen könnte ein Himmelreich.

 

Die Räder vor mir beginnen damit von rechts nach links über die Strecke zu ziehen, ähnlich einem Bergwanderer am Steilhang. Das Garmin gibt keinen verdammten Prozentpunkt nach. 16 %, dann 17%. Jetzt ist hier aber wirklich Ende im Gelände, die sind doch bescheuert. 18 %. Es hieß 17% Rampe, 17! Nicht 18! Ich werde irgendwen zur Rede stellen, Riesensauerei. Während ich innerlich kündige, rolle ich über die Kuppe.

 

Unsicher geworden warte ich die nächste Kurve ab. Abfahrt. Abfahrt. Abfahrt. Runter! Himmel, ich atme! Sauerstoff! Gott, ist das schön. Ich trete nicht mehr, einfach mal rollen. Das ist doch auch mal geil. Die 4 km/h mehr reißen jetzt auch nichts mehr raus. Rollen, einfach rollen. Was zur Hölle war das denn? PureEskalation.

 

Im Kopf versuche ich mich jetzt doch mal intensiv daran zu erinnern, was Jörg noch so über die Strecke gesagt hat. „Spar Dir ein paar Körner für das Ende auf. Da wird es auf der vermeintlich geraden Strecke wellig." Ein paar Körner, der ist gut. Meine Körner habe ich an der hohen Acht eben praktisch in einem Zug ausgekippt. Aber Wellen mag ich, schön runter brettern und dann vom Schwung getragen auf die nächste rollen lassen.

Was dann aber kommt würde ich nicht als Wellen bezeichnen, sondern als Windstärke 10 und Zeit für die Seerettung. Die Strecke ist das Gegenteil von meditativem Fahren. Hier ist wirklich immer Kirmes. Hoch, runter, links, rechts, Steilkurve, das ganz große Kino.

 

Mein Kopf schaltet sich ab, ich trete einfach nur noch alles weg, nehme die Kurven mit. Irgendwann kommen dann völlig unerwartet die ersten Hotels ins Blickfeld. Ziviles Leben! Letzter Berg mit bezeichnendem Banner am rechten Rand „Arschloch Berg, Tritt ihn weg!" Spricht mir aus der Seele, ich hau alles raus.

 

160827 3Einfahrt auf die Zielgerade, schöner Moment. Ich rolle über die Ziellinie, rechts die Boxengasse, gleich bin ich da.

Denkste! Von wegen gleich da! Die Strecke führt mich wieder weg vom Fahrerlager, in die Tiefen der Nordschleife. Vorbei an der Zeltstadt der anderen Fahrer und dieser Anblick entschädigt für den vermeintlichen Umweg zum Fahrerlager. Was für eine gigantische Atmosphäre! Hunderte Fahnen, Banner aus aller Welt. Überall schrauben sie an ihren Rädern, schauen dem Rennen auf der Strecke zu. Gigantisch! Die hohe Acht ist vergessen, ich rolle durch dieses Radsportambiente. Die Bilder brennen sich ein, pure Emotion. Welcher Idiot spielt denn da zu Hause am Computer, hier ist das Leben! Großartiger Sport.

 

4 km später rolle ich in die Boxengasse, Fahrerwechsel. Ich steige ab, wow. Was für ein Ritt. Zeitlich bin ich zwar lange nicht auf dem Niveau eines Jespers, aber immerhin unter 60 Minuten. Für mich Mops fast schon Gold. Ich lasse mich auf einen Liegestuhl fallen, genieße das abklingende Adrenalin, die aufkommende Erschöpfung. Gigantisch! Und das war gerade die erste Runde. Was mir allerdings auch etwas Respekt vor der zweiten einbringt. Egal, erstmal entspannen.

 

Das Rennen fährt sich ein, wir liegen überraschend gut im Feld. Stimmung großartig rund um die Box. Nachts, um kurz vor 01:00 Uhr, schlägt meine Stunde wieder und auf dieser zweiten Runde ist alles anders als am Tag. Das Erlebnis, diese herrlich verrückte Strecke mitten in der Nacht zu fahren, ist etwas völlig Abgedrehtes. Die Lichterkette, welche sich quer durch die Landschaft der Eifel zieht, hunderte rote Rücklichter, welche sich die hohe Acht hoch wanken. Das Keuchen im Dunkeln rechts und links von einem. Die kühle Luft der Nacht im Gesicht, an dem Armen. Das sind Momente, an die erinnert man sich unter Garantie noch Jahre später. Kein Wunder, dass sich um diese Strecke Legenden ranken.

 

160827 NachtAuch die Stimmung in der Boxengasse nachts. Die verschlafenen Gestalten, welche sich ruhelos umtreiben. Leute die auf Feldbetten an der Strecke liegen, great. Trotzdem bin ich froh, dass ich anschließend im Hotelzimmer heiß duschen und mich zumindest für ein paar Stunden ins Bett legen darf, bevor ich zu meiner letzten Runde auf mein Rad steige. Da bin ich auch einfach gerne mal das Weichei.

 

Ich bin auch der Schlussfahrer unserer Truppe, welche mir mittlerweile längst ans Herz gewachsen ist und der Moment, als vor der Zielgeraden die eigene Mannschaft von links und rechts zu einem fliegt, man Formation annimmt, um dann gemeinsam über die Ziellinie zu rollen. Keine Worte dafür, ein Erlebnis, fast schon eine Romanze.

Grüne Hölle, merci! Es war mir ein Fest und sicher nicht unser letztes Date.

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