Vorarlberg

Vorarlberg

GRÜN | WEISS | SCHWARZ

Geht man im österreichischen Bundesland Vorarlberg zum Radfahren, kommt man um vier Dinge schwerlich herum: Den Namen Thomas Kofler, wenn es um Radsport geht, das Team Vorarlberg, seine Farben Grün/Weiß/Schwarz und wunderschöne Straßen mit beeindruckenden Panoramen.

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Eigentlich startet unsere Geschichte aber in Tirol. Genauer gesagt letzten Samstag um 07:15 in St. Anton am Arlberg beim Start des Arlberg Giro. Ein Rennen, das sich in seiner erst dreijährigen Geschichte schon unter die Klassiker gefahren hat. Sei es wegen der schönen Runde über den Arlbergpass, durchs Montafon und über die Silvretta Hochalpenstrasse, der guten Stimmung in St. Anton oder als Vorbereitung auf den Ötztaler Radmarathon. Steht man also Morgens auf der Dorfstraße im Startblock, den übliche Geruch aus Aufwärmöl und Adrenalin in der Luft, die einschlägigen Hits aus den Laut sprecherboxen und die Stimme des Moderators, der langsam die Zeit rückwärts zählt, sticht unweigerlich ein Trikot bzw. die Farben weiß/grün/schwarz ins Auge: Das Trikot des Team Vorarlberg. Eigentlich ganz klar, ist doch die Strecke fast zu 70% auf Vorarlberger Gebiet und so quasi das Heimrennen all der Starter in weiß/grün/schwarz. Natürlich hat man bei einem Rennen, bei dem das Feld schon 500 Meter nach dem Start in den ersten Anstieg – und zwar nicht nur in ein kleines Aufwärm- und „Sortiere- das-Feld“-Hügelchen, sondern gleich in den Arlbergpass mit 600 Höhenmeter von St. Anton hinauf nach St. Christoph am Arlberg – abbiegt erst mal anderes zu tun, als sich über die lokalen Radteams Gedanken zu machen, aber irgendwann, nachdem man seinen Rhythmus und seine Geschwindigkeit gefunden hat und man das erste mal nach Rädern und Trikots seiner Mitstreiter schaut, ist die Masse an Team Vorarlberg Outfits doch extrem. Speziell im Anstieg zur Bielerhöhe – für mich, wegen einen totalen körperlichen Einbruch, die schlimmsten 14 Radkilometer der letzten Jahre, werde ich von gefühlten 50 „Vorarlbergern“ überholt. Gott sei Dank findet sich auf der langen Abfahrt über Galtür, Ischgl, Kappl hinunter ins Inntal eine gute Gruppe und ich kann etwas regenerieren, was für die letzten knapp 20 Kilometer mit 500 Höhenmeter auch dringend nötig ist. Schon am ersten Anstieg nach den fast 40 Kilometern Abfahrt wird unsere Gruppe gesprengt. Auch ich kann das Tempo nicht mitgehen und fliege mit drei Mann und einer Frau hinten raus. Diese Fünfergruppe funktioniert aber sehr gut: Beim Blick in die Gesichter bei den Wechseln sieht man jedem an, dass er komplett am Limit ist und die Geschwindigkeit die wir fahren genau die Obergrenze ist, was er hier und heute zu leisten im Stande ist. In meinem Kopf beginnt die Rechnerei: noch 17 Kilometer, circa 350 Höhenmeter, bei der aktuellen Geschwindigkeit sollten wir in 40 Minuten im Ziel sein. Dann geht es wieder mal ein Stück bergab, es rollt, die Kilometer schmilzen, Noch 35 Minuten.

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Etwa fünf Kilometer vor dem Ziel – wir haben mittlerweile durch unsere konstante Fahrt gut die Hälfte der Radfahrer die vorhin versucht haben die Geschwindigkeit am ersten Anstieg mitzugehen wieder überholt - will einer aus unserer Fünfergrupper zum „Finale“ attackieren, erntet aber nur verzweifelte und „Bitte-nicht“ Gesichter. Durch Pettneu der letzte Anstieg, die Einmündung der Schnellstraße, M-Preis, St. Jakob, „Wellcome back“-Schild und ab geht es, unter dem Teufelslappen durch auf die Dorfstraße. Zum sprinten hat keiner mehr Muße, und so rollen wir zu fünft als Gruppe über die Ziellinie.
Als ich kurze Zeit später, beim zweiten oder dritten Gösser Naturradler an einem der Biertische neben dem Zielbereich sitze, kommt Martin Ebster der Tourismusverbandschef von St. Anton an den Tisch, um mir zu der dann doch halbwegs passablen Zeit zu gratulieren und mir den „Chef“ des Teams Vorarlberg, Streckenchef des Arlberg Giro und Rennleiter des am Abend stattfindenden Profi Kriteriums vorzustellen: Thomas Kofler. Ein Mann bzw. ein Name, der durch die Radsportszene Österreichs hallt wie die Klänge eines Alphorns durch die klare Bergluft und genau der, der mit sagen kann, wie viele „seiner“ Fahrer heute am Start waren. Also hole ich noch zwei Radler und laß mir was aus Thomas, „Radsport - leben“ erzählen. Er selbst sei ja eigentlich Skifahrer und war am Skigymnasium Stams, aber leider habe es da nie wirklich für die vorderen Plätze gereicht. Na klar, beim „Weißen Rausch“, einem total verrücktem Inferno Rennen zum Abschluss der Skisaison in St. Anton fahre er schon noch unter die Top Ten, aber für die FIS oder den A-Kader hat es nie gereicht. Auch als Radfahrer – schließlich war ja auch der Papa Elitefahrer – habe er wenig Talent bewiesen und hat deshalb den aktiven Rennsport bereits mit 25 an den Nagel gehängt und sich auf seine Karriere bei der Volksbank Vorarlberg konzentriert. Natürlich kam er nicht gänzlich vom Radsport weg und gründetet 1996 das „Team Vorarlberg“, bei dem er anfänglichst noch neben dem Job die Fäden zog.

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Und wenn er, nach eigenen Angaben kein Talent zum Rennfahrer hat, so muß er eins fürs Organisieren, Netzwerken und Geschäftemachen haben. Das Team Vorarlberg wurde in sehr kurzer Zeit zum Pro Conti Team und nahm mit Fahrern wie Olaf Pollak und Gerit Glomser an der Tour de Swiss, der Flandernrundfahrt und der Deutschlandtour teil. Er schafft mit dem „Rad Haus“ in Rankweil nicht nur ein Heim für das Team, sondern ein Kompetenzzentrum für den Sport. Mit Teamräumen, Werkstatt und Shop, in dem man nicht nur die weiß/grün/schwarzen Trikots kaufen kann. Er gründet den Förderverein „Radsport Vor dem Arlberg“, bei dem alle Gelder widmungsgemäß eingesetzt werden und ist mit der „Pro Event“ Veranstalter von Rennen wie dem Trans Vorarlberg Triathlon und dem Kriterium in St. Anton sowie Radreisen für seine Mitglieder. Von denen auch heute circa 60 am Start gewesen seien, was meine anfängliche Frage auch beantwortet. Beim nachmittäglichen Kriterium habe er leider nur zwei Fahrer am Start, einen, Dennis Wauch, würde er mir auch gerne vorstellen. Einer der drei Vorarlberger im Team und ein ganz heißer Tipp für das Kriterium.
Als uns Dennis nach seinen 30 anstrengenden Runden kurzerhand einlädt, morgen mit Ihm „etwas das Laktat“ aus dem Beinen zu fahren, sind wir natürlich sofort dabei. Wie das so unter Sportlern ist, sind Ort, Zeit und „lockere Runde“ schnell vereinbart und alle können sich wieder der immer noch dringend notwendigen Flüssigkeitszufuhr widmen.

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Jetzt ist es natürlich so eine Sache mit einem Radprofi zum „Ausfahren“ zu gehen, aber Dennis nimmt Rücksicht und uns erst mal von seinem Wohnort Hohenems mit in die Schweiz und die ersten 15 Kilometer entlang dem Rhein Richtung Bodensee. Wir überqueren mehrmals die Grenze, sind mal in Österreich, mal der Schweiz. Aber egal in welchen Land wir gerade sind, uns fallen die guten Radwege, die gute Beschilderung und die Massen an Radfahrern auf, die sich auf den teilweise zweispurigen Radwegen tummeln. Da kann man wieder mal sehen, wie viel es bringt, wenn sich eine Region wirklich um die Radfahrer kümmert und für eine gute Infrastruktur sorgt. Zu meinem Leidwesen verlassen wir die gemütlich flachen Radwege nach einer kurzen Crosser-Einlage mit zu überspringende Schranken und Treppen durch Bregenz und finden uns schnell in einem ersten Anstieg auf einer kleinen, ruhigen Nebenstraße. Wunderbare Ausblicke auf den Bodensee wechseln mit Bergblicken, alte Bauernhöfe mit moderner Architektur. Auf den Straße ist, obwohl es Sonntag ist, erfreulich wenig los und Dennis entpuppt sich als hervorragender Guide und „Fremdenführer“. Er könne uns auf solchen Straßen bis zum Arlberg führen, oder über den Dreiländerblick nach Deutschland, oder in einer gemütlichen Schleife zurück nach Hohenems. Was uns, nach den Strapazen vom Vortag als die beste Alternative erscheint und so flitzen wir über beste Straßen, durch schöne Ortschaften dem weiß/grün/schwarzen Trikot von Dennis hinterher die lange Abfahrt zurück in Rheintal. Kurz vor Hohenems verabschieden wir uns. Wir müssen haben ja noch 250km Autofahrt vor uns und Dennis will noch „ein bisschen am Rhein rollen“. Ganz locker, zum die Beine „ausschütteln“.

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Ha, haben wir ihn doch etwas fordern können. Und vielleicht merkt er sich unser schwarz/weißen Trikots so, wie wir uns das seinige merken werden.

FOTOS: Patrick Säly & Andreas Ganahl | TEXT: Ralf Jirgens

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