24 Stunden - DURCH DIE GRÜNE HÖLLE

24 Stunden - DURCH DIE GRÜNE HÖLLE

Die Nordschleife. Das heißt 24,5km Streckenlänge und 500 Höhenmeter pro Runde. 24 Stunden im Viererteam, 26 Runden, 676 Kilometer und 13.000 Höhenmeter.

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Als ich vor ein paar Wochen in den USA war, hab ich auf dem Hinflug den Film „Rush“ gesehen. Daniel Brühl spielt den jungen Nikki Lauda. Es geht um seinen Weg in die Formel 1, sein akribisches Arbeiten und natürlich um seinen Unfall auf der Nordschleife des Nürburgrings, die damals noch in voller Länge als Rennstrecke befahren wurde. Als ich so mit meinem Kopfhörer im Flugzeug saß, musste ich mehrfach schmunzeln: erstens über den netten englisch-österreichischen Dialekt von Schauspieler Daniel Brühl oder dessen Synchronstimme und zum zweiten, weil man wieder mal überhaupt nicht sieht, wie anspruchsvoll die Strecke mit Ihren Kurven, ewig langen Geraden und schier nicht enden wollenden Anstiegen wirklich ist.

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Die Nordschleife. Das heißt 24,5km Streckenlänge und 500 Höhenmeter pro Runde. Rad am Ring heißt 24 Stunden Radrennen auf eben dieser sagenumwogenen Asphaltpiste in der Eifel.24 Stunden im Viererteam heißt 26 Runden, 676 Kilometer und 9000 Höhenmeter. Ein Viererteam beim Rad am Ring, in dem auch der damals amtierende UCI Masters 2 Weltmeister Gerhard Hrinkow mitfährt, heißt, Rundenzeiten kontrollieren, Abstände ausrechnen, immer am Limit zu fahren, sich ja keine Blöße zu geben und am Ende auf dem Stockerl zu stehen - Rennsport pur!
Die Geschichte beginnt aber sehr viel früher und – wie meistens – mit einem lockeren „Logisch sind wir da dabei!“. Diesen verhängnisvollen Satz sprach ich so einfach aus, als mich der Marketingchef des Hauptsponsors von „Rad am Ring“ anrief und mich fragte, ob ich mit einem „Bicicletta Team“ beim 24 Stunden Rennen starten will. Einzige Bedingung sei, dass bei uns „ein alter Mann, den wir unter Vertrag haben“ mitfahren dürfe. Da die Formkurve in der letzten Saison nie wirklich richtig steil nach oben zeigt, war die Aussicht, einen 68-jährigen im Team zu haben, genau die richtige Ausrede, um das ganze Unterfangen von vorneherein unter das Olympische Motto „Dabeinsein ist das wichtigste“ zu stellen und einfach eine gute Zeit am Nürburgring zu verbringen. Jetzt werden natürlich sehr viele den Kopf schütteln und sagen, wie kann man denn bei einem 24 Stunden Rennradrenn in der Eifel eine gute Zeit haben! Und scheinbar hatten diese Leute Erfahrungen, die wir damals noch nicht hatten. Aber schmerzlich mit Ihnen konfrontiert wurden. Der Nürburgring und unser Teamkollege Gerhard empfingen uns sehr herzlich: Sonnenschein und gute Stimmung. Mit mir hatten sich Alar – damaliger German Cycle Cup Meister – und Fynn – gerade zurück von einer abgebrochen „Pedal the World“-Tour – auf die 600km Anreise in die Eifel gemacht. Gerhard war schon am Vortag angereist und hatte schon alles für uns organisiert: Startnummern, einen Platz in Box 12 und eine ausgeklügelte Renntaktik. Renntaktik? Wir waren doch nur zum „mitfahren“ da! Aber diese Rechnung hatten wir ohne unseren vierten Mann Gerhard Hrinkow gemacht. Ganz klar, Gerhard war mit Abstand der Älteste im Team, aber – und das sollte sich sehr schnell rausstellen – er war auch der mit abstand Schnellste. Eigentlich hätten wir es wissen müssen, dass mit einem aktuellen UCI Weltmeister keine „Kaffeefahrt“ zu organisieren ist, aber den Druck, den der „alte Mann“ auf dem Pedal hat, ist vergleichbar mit dem, der plötzlich auf uns lastete, uns nicht völlig zu blamieren. Nachdem unser Quartier für die nächsten 24 Stunden in der Boxengasse bezogen war, folgte auch gleich die erste „Rennbesprechung“: Wer startet, wer fährt wann, wie viele Runden fahren wir am Stück, wie fahren wir in der Nacht. Natürlich gaben wir unserem „alten Mann“ den Vortritt und die Ehre der ersten Runde – aus Respekt und auch weil wir sehr schnell die Hosen voll hatten.

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Der Start erfolgt Mittags um eins auf der aktuellen Formel 1 Strecke, die man aus dem Fernsehen kennt. Zuerst wurden die Fahrer des German Cycle Cup auf die Strecke geschickt, dann die 24 Stunden Fahrer getrennt nach Rennrad und Mountainbike und zu guter letzt noch die Hobbyklasse, die aber nur eine Runde unterwegs war. Insgesamt waren also 1300 Radfahrer auf der Strecke, wobei auch die Mountainbikefahrer einen Teil auf dem offiziellen Rennkurs unterwegs waren, sich aber dann schnell wieder in den Wald verabschiedeten. Wir hatten Gerhard an Position eins gesetzt, dann kommt Fynn, anschließend ich und Alar auf Position vier. Gerhard presste erst mal eine 54er Zeit hin. Als Fynn übernahm, machte ich mich auch langsam fertig: Rad raus, Luft rein, Flasche auffüllen, Umziehen, „Roll Out“ – die Staffelübergabe erfolgte direkt vor der Box. Dann einmal durch die Boxengasse und ab geht es auf die Nordschleife. Zuerst geht es mit wenigen Unterbrechungen bergab bis nach „Breidscheid". Es rollt, im Abschnitt „Fuchsröhre" zeigt der Tacho bei mir 88 km/h – die schnellen und risikobereiteren Fahrer erreichen hier Geschwindigkeiten bis nahe 100 km/h oder knapp darüber. Ab „Breidscheid" wird's dann für rund vier Kilometer ernst. Über „Ex-Mühle" und „Bergwerk" geht's in den Streckenabschnitt „Klostertal", und der hat's in sich. Ganz langsam hebt sich der Asphalt und suggeriert leichtes Spiel. Aber mit jedem Meter wächst die Steigung. Über das legendäre „Karussell" geht´s in den Streckenabschnitt „Hohen Acht". Der Spitzenwert von rund 17 Prozent zwingt mich in den ersten Gang. Spätestens hier wird jedem klar, warum die Nordschleife auch bei Radfahrern zu Recht und sehr respektvoll „Grüne Hölle" genannt wird. „Wippermann", „Eschbach", „Brünnchen", „Pflanzgarten", sind trotz kurvigem Auf und Ab wieder eher harmlos und man kann hier wieder für eine paar Tritte etwas Druck vom Pedal nehmen. Über „Schwalben Schwanz" und „Galgenkopf" führt der Kurs dann auf die lange Gerade namens „Döttinger Höhe". Eine nicht enden wollende lange Gerade mit anfangs leichter, aber zum Schluss immer giftigeren Steigung und einer gefühlten Straßenbreite von 20 Metern die keinerlei Schutz vor dem ziemlich lebhaften Gegenwind bietet.

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Hat man das Ende endlich erreicht, kommt man über die Schikane „Hohenrain" direkt auf die Start- und Zielgerade des Grand Prix-Kurses. Nach der Langen Zielgeraden geht es für uns noch eine Runde auf den aktuellen Formel 1 Kurs - an deren Streckenrand die 4500 Teilnehmer des Rennens Ihre teilweise luxuriösen Lager aufgeschlagen haben - dann durch das Fahrerlager und zurück in die Boxengasse. Auch meine Zeit ist ganz OK. Nicht ganz so gut wie die von Gerhard und Alar, aber immerhin. Aber mein Oberschenkel brennt wie Feuer – 26km auf Druck, eigentlich immer am, beziehungsweise über dem Limit, bin ich einfach nicht mehr gewohnt. Nachdem ich Fynn auf seine Runde geschickt habe, bleiben mir knappe drei Stunden bis zu meinem nächsten Einsatz. Das heißt erst mal umziehen und etwas waschen, dann was essen, etwas ruhen und dann starten schon wieder die Vorbereitungen. Auf die zweite Runde starte ich dann schon in die Dämmerung hinein, anfangs geht es noch ohne, aber vor der Abfahrt zur Füchsröhre schalte ich meine Lichtanlge vorsichthalber des erste mal ein. Ich hab mir bei einem Freund von der Bergwacht extra eine Lupine mit 2400 Lumen geliehen, die jetzt die ganze Strecke taghell erleuchtet. Die Rampe zur Hohen Acht wird aber leider davon auch nicht kürzer und weniger steil. Leider hat sich auch das Wetter drastisch verschlechtert. Konnten wir die ersten Runden noch bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen fahren, hat sich der Himmel immer mehr zugezogen und als ich die lange Gerade Döttinger Höhe wieder in Angriff nehme, beginnt es zu tröpfeln. Ein Grund mehr, noch mal alles zu geben, um wenigstens halbwegs trocken zurück in die Box zu kommen.

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Nach dem zweiten Durchlauf, stellen wir nun auf zwei Runden pro Fahrer und Einsatz um. Das heißt für mich, nächster Einsatz erst gegen 1 Uhr früh. Dann aber gleich 52 KM, 1000 Höhenmeter und ca 2 Stunden Einsatz. Und das bei mittlerweile einstelligen Temperaturen und immer stärker werdendem Regen. Als ich um 1:20 Uhr auf die Strecke gehe bin ich nach circa 1000 Metern klitschnass. Nebel ist aufgezogen und ich muß die Lupine auf die niedrigste Stufe stellen, um überhaupt noch was zu sehen. Die Strecke ist übersäht mit Gel- und Riegelpapieren, die durch den Regen super rutschig sind. Gott sei Dank kennt man die Strecke mittlerweile etwas und weiß zumindest, wo die engeren Kurven sind. Trotz der vielen Starter bin ich auf vielen Streckenabschnitten völlig allein – ein seltsamen Gefühl macht sich breit. Und ich bin heilfroh, als ich nach über zwei Stunden unsere „Staffel“ an Fynn übergeben kann. Der kommt aber nur noch zu einer Runde. Die Rennleitung hat die einzig richtige Entscheidung getroffen und den Temperaturen und dem Starkregen Tribut gezollt und das Rennen unterbrochen. Ausgekühlt und nass liegen wir in unseren Schlafsäcken und versuchen, wenigsten etwas die Augen zu schließen. Das gelingt dem einen besser, dem anderen weniger. Mich treibt gegen 5:30 der Hunger aus dem Bett. Ein Glück, dass es in der „Kantine“ rund um die Uhr Nudeln gibt.

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Der Restart – findet um 9.00 Uhr statt. Die Teams werden gebeten, sich nach Ihrer Reihenfolge in die Startaufstellung zu begeben und da wir zu dem Zeitpunkt auf Platz 10 liegen, steht Gerhard in Reihe eins. Der hat noch immer Druck und ist voll motiviert. „Die Runde bin ich komplett auf der Scheibe gefahren“ erzählt er mir hinterher. Der Lohn der schnellen Runde ist ihm deutlich ins Gesicht gezeichnet, bringt uns aber wieder ein paar Plätze nach vorne. Die mögliche Top Ten Platzierung vor Augen holen wir alle noch mal die letzten Körner raus und übergeben kurz vor Rennende die Staffel noch mal an Gerhard, der somit auch die Ehre hat, die Ziellinie für unser Team zu überfahren. Ehre, wem Ehre gebührt!

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Zum Schluß waren wir aufgrund der vielen Aufgaben und der Tatsache, dass uns Gerhard mit seinen 68 Jahren in die Masters 2 Kategorie gehievt hat, tatsächlich Zweiter in dieser Gruppe und sechster over all. 4 Leute, 24.Stunden, 26 Runden, 676 km, 13.000 Höhenmeter . Kalt, nass, unbequem und übernächtig – aber geil!
Im Film „Rush“ steigt Nicki Lauda schon sechs Wochen nach seinem verherendem Unfall auf der Nordschleife wieder in seinen Rennwagen – mein Cervélo ist ein bisschen länger gestanden…

Bericht von Ralf Jirgens | Fotos: Norbert Wilhelmi & Ralf Jirgens

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