Über den Mond

Über den Mond

Eine Reise in den Iran

Im Iran Radrennen zu fahren, klingt abenteuerlich. Den Fahrern des Rudy Project Racing Teams gefällt es dort aber so gut, dass sie bereits zum dritten Mal bei der Tour of Iran an den Start gegangen sind.

Ruhig steht das Flugzeug auf der Startbahn. Dann gibt der Pilot Schub und die Passagiere werden in ihre Sitze gedrückt. Das Reiseziel: Tabriz, die Haupt stadt von Ost-Aserbaidschan im Iran. Mit an Bord: Das Rudy Project Racing Team aus Bayern. Bahnprofis und Amateurrennfahrer haben sich in diesem Team zusammengeschlossen, um gemeinsam Rennen in der ganzen Welt zu fahren. Neben den sportlichen Zielen, Rennen zu gewinnen, soll auch eine Horizonterweiterung stattfinden. Der Iran ist dort eine besondere Erfahrung.

Eine andere Welt

Hart kommt der Flieger auf. Die Fahrer und ihre Betreuer sind in einer für sie anderen Welt angelangt. Das Bespaßungsprogramm mit Film, Musik und Essen aus dem Flieger ist vorbei, der Iran ist da. Tabriz ist eine Millionenstadt. Graue, triste Gebäude, verfärbt von der Sonne und dem Sand aus der Wüste. Zwischen uralten Gebäuden, heruntergekommenen Neubauten und spiegelnden Glasbüros knattern überall Autos und Mofas um die Wette.

Selbst bei den warmen Temperaturen sieht man keine Männer mit kurzen Hosen, die Frauen sind ganz verschleiert. Für Anne Vollenbröker, die als Betreuerin mit dabei ist, ist die Reise deshalb etwas ganz spezielles. Sie hat schon einige Zeit vor dem Trip ihre Vorbereitungen begonnen. Was ist für Frauen im Iran erlaubt, was ist verboten? Sie musste lange, weite Kleidung Kaufen - und Schleier, die das Haar bedecken. Eine blonde Frau ist im Iran eine Seltenheit. „Ich hatte schon ein mulmiges Gefühl im Bauch, der Empfang in Tabriz war aber gleich so herzlich, dass ich den Aufenthalt sofort genießen konnte“, so Vollenbröker. „Die Menschen im Iran haben gesehen, dass ich ihnen und ihrer Religion Respekt entgegen bringe“, erklärt sich Vollenbröker den offenherzigen Empfang.

Iran-visitor

Für Alexander Meier, den jüngsten Fahrer im Team, waren die Vorbereitungen dagegen kaum anders, als wenn er zu einem Rennen nach Österreich, Belgien oder Frankreich anreisen würde. Tasche mit der Teamkleidung füllen, Rad verpacken, los geht’s. „Ich war im letzten Jahr auch schon mit dabei, deshalb wusste ich ungefähr, was auf mich zukommt“, sagt das Nachwuchstalent. „Visum ausfüllen, 20 Minuten auf der iranischen Botschaft warten, das war´s. Und: extra viele Süßigkeiten einpacken, weil die im Iran nicht zu bekommen sind“, schmunzelt Meier.

Keine Politik

Dass die politische Lage im Iran nicht einfach ist, wissen die Fahrer. Im Iran wurde 2009 die „Grüne Revolution“ vom mittlerweile abgewählten Präsidenten Mahmut Ahmadinedschad und seinen Schergen blutig niedergeschlagen, Freiheit scheint im Iran teilweise ein Fremdwort zu sein und das persische Land hat die Möglichkeit, Atombomben zu bauen, was derzeit zu Konflikten mit der westlichen Welt führt. Selbst etwas daran zu ändern hält Meier nicht für möglich. „Ich bin Sportler, meine Aufgabe ist es Rennen zu fahren – und nicht Politik zu machen“, so Meier und ergänzt: „Der Sport verbindet Nationen, ich denke, das ist immer gut.“

So oder ähnlich sehen das wohl auch 17 weitere Mannschaften, die aus der Türkei, China, Syrien, Malaysia, Tschechien und neun weiteren Nationen angereist sind. Für das Rudy Project Racing Team ist das harte Konkurrenz.

Etappenrennen laufen fast immer gleich ab: aufstehen, essen, Rad fahren, essen, schlafen. Die Iranrundfahrt ist da nicht viel anders, bietet dennoch viel Neues, auf das man sich einstellen muss: eine fremde Kultur, einzigartige Landschaften, neue Gerüche. Und in den täglich wechselnden Hotelzimmern gibt es einen Pfeil: Er zeigt nach Mekka. Während die Richtung des Pfeils variiert, ist das Essen in den Hotels gleich: Linsensuppe, auch zum Frühstück, Nan-Brot, Safranreis mit Huhn, Melone und zum Trinken: salzigen Joghurt. Für die Rennfahrer ist das ungewohnt.

Auch das Betreuerteam ist teilweise unbekannt: Mechaniker und Masseur stammen aus dem Iran. Aus den Freundschaften, die das Team in den letzten Jahren geknüpft hat, ist der Kontakt entstanden. „Dass wir die Betreuer davor nicht kannten, war überhaupt kein Problem. Wir haben uns sofort gut verstanden und hatten viel Spaß zusammen“, sagt Meier. Auch wegen den vielen freundschaftlichen Begegnungen ist das Rudy Project Racing Team in diesem Jahr bereits zum dritten Mal bei der Tour of Iran am Start. Die Reise hat auch der Kooperationspartner Turkish Airlines möglich gemacht.

Iran-heroes

Das Rennen

Die sportliche Aufgabenstellung lässt sich kurz zusammenfassen: 890 Rennkilometer auf sechs Etappen verteilt. Das Team vom Irschenberg nimmt diese Herausforderung gerne an und beweist gleich auf den ersten Etappen, dass es sich vor keiner Strecke und keiner Konkurrenz fürchten muss. Auf der zweiten Etappe ist es der Sechstage-Star Marcel Kalz, der mit einem dritten Platz für Aufsehen sorgt.

Iran-teeth

Dass dieser Podestplatz kein Zufall war, zeigt der Sprinter auf den darauffolgenden Etappen: Platz zwei auf der dritten Etappe. Und auch auf der vierten Etappe sprintet Kalz als Zweiter über die Ziellinie. „Es ist einfach super gelaufen, die ganze Mannschaft hat hervorragend zusammengearbeitet“, freut sich Kalz über die Erfolge im Iran. Dass es zu den Sprints kommen konnte, ermöglichten Helmut Trettwer und Alexander Meier, die dafür sorgten, dass Ausreißergruppen wieder zurückgeholt wurden, Andreas Graf und Christian Grasmann bereiteten die Sprints vor.

Bis es zum Etappenfinale geht, fahren die Sportler über meist große Straßen vorbei an mondähnlichen Gebirgszügen, in den verschiedensten Grüntönen schimmernden Hügeln, knallroten Klatschmohnfeldern, Schafherden und unzähligen Zuschauern, die für die vorbeirasenden Sportler Rosenblätter auf die Straße werfen.

 

Kultur pur

Iran-KulturObwohl nach dem Rennen vor dem Rennen bedeutet, sind die Fahrer des Rudy Project Racing Teams nach den Etappen nicht müde. Sie wollen Land und Leute kennen lernen. Das Team besucht eine Moschee, den Bazar von Urumia, das Mausoleum eines iranischen Schriftstellers, einen Staudamm und den Bazar von Tabriz, den größten Bazar im Iran. „Auch Abends sind wir noch raus und haben Verdauungsspaziergänge gemacht und uns die Ortschaften angeschaut“, berichtet Alexander Meier. „Wie nett uns die Menschen dort begegnet sind, werde ich nie vergessen.“ Sie sind jung, sie sind alt, und alle wollen mit den Fahrern aus Deutschland sprechen. Dass sie aus der Nähe von München kommen und der FC Bayern gerade im Champions League Finale steht, ist da Gesprächsstoff Nummer eins. Mit Händen und Füßen sowie ein paar Brocken Englisch und Deutsch wird da diskutiert, Fotos werden gemacht, Autogramme geschrieben. Das sind Bilder, die sich den Fahrern eingebrannt haben. Auch die Gerüche und fremden Gewürze gehören dazu. Marcel Kalz scheint eines davon nicht gut bekommen zu sein. Auf der fünften Etappe hat er Magenprobleme, kämpft mit dem Anschluss ans Feld. Seine Teamkameraden bleiben solidarisch bei ihm. Am Ende schafft es keiner von ihnen im Zeitlimit ans Ziel, die letzte Etappe zurück nach Tabriz findet ohne das Rudy Project Racing Team statt. Trösten mussten die mitgebrachten Süßigkeiten.

 

Ein Highlight und einen versöhnlichen Abschluss der Reise gibt es dann auch noch: Das gesamte Team trifft die Leiter der iranischen Turkish Airlines Dependance in einem Restaurant. Es gibt gegrilltes Fleisch, natürlich nicht vom Schwein und Kufteh Tabrizi. Das sind Hackfleischbällchen aus Lamm- und Rindfleisch, gewürzt mit Kurkuma, Zimt, Kreuzkümmel und Safran. Dazu gibt es duftenden Basmatireis in verschieden Varianten, viele Beilagen wie Nan-Brot, Erbsen und auf Joghurt basierenden Dips. Außerdem ein vegetarisches Gericht mit Erdnüssen und essbaren Blumen. „Das war wirklich sehr, sehr lecker und mal etwas völlig Neues“, schwärmt Meier.
Wenn es ihm persönlich möglich ist, will er nächstes Jahr wieder in den Iran. Das Team hat bereits eine Einladung für die Tour of Iran 2014: Die starken Leistungen haben die Veranstalter überzeugt.

Iran-gruppenfoto

Das Rudy Project Racing Team ist ein junges Team von Radsportlern für Radsportler. Es besteht bereits im vierten Jahr und das Konzept zahlt sich aus: Nachwuchsfahrer der U23- Klasse und Bahnprofis bestreiten gemeinsam Rennen auf der ganzen Welt, um sich weiterzuentwickeln und die Leidenschaft Radsport zu leben.
Zwölf Fahrer starten im Jahr 2013 für das Rudy Project Team. Darunter die Bahn-Asse Christian Grasmann, der das Team auch leitet, Leif Lampater und der Berliner Marcel Kalz. Nicht nur die Renneinsätze des Teams sind international sondern auch das Team selbst. Der Österreicher Andreas Graf startet seit diesem Jahr als erster ausländischer Fahrer für das Team vom Irschenberg.

Die Erfolge: Goldmedaillen bei Deutschen Bahnmeisterschaften und Österreichischen Staatsmeisterschaften, Siege bei 6-Tagerennen, Bahnrennen und Kriterien in Großbritannien, Australien und den USA.
Das ist nur ein Auszug aus der Erfolgsgeschichte des Teams.

Die Etappen in der Übersicht:

Iran-map

1. Etappe: Tabriz – Maragheh ~128.1 km
2. Etappe: Maragheh – Urmia ~194.1 km
3. Etappe: Urmia – Khoy ~122 km
4. Etappe: Khoy – Aras ~152.2 km
5. Etappe: Aras – Sahand ~191.2 km
6. Etappe: Tabriz – Tabriz ~101.9 km

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