Zahnbürstltour

Zahnbürstltour

 

Unter einer „Zahnbürstltour“ versteht man eine Rennradtour über mehrere Tage, die mit geringstem Gepäck und ohne Begleitfahrzeug gefahren wird.

 

Einzig zulässiges Equipment - neben den für das Ausüben des Sport essentiellen Dingen wie Radhose, Trikot, Weste, Ärmlinge…- ist Geld, ein Handy und eben eine Zahnbürste. Bei der Route steht nur der Start und damit auch das Ziel fest. Gefahren wird die Runde allein oder mit guten Radfreunden. Die genaue Strecke, Anzahl der Höhenmeter und Orte für die Übernachtungen werden spontan entschieden. Zusätzlich benötigte Ausrüstung (z.B. ein T-Shirt für´s Abendessen) wird vor Ort organisiert oder unterwegs gekauft. Sollte man sich bei einer „Zahnbürstltour“ für Graubünden entscheiden, empfiehlt sich die Mitnahme einer (goldenen) Kreditkarte!

Wenn man keine genaue Route ausarbeiten muss, keine Hotels buchen und nicht zig verschiede Outfits für die verschiedenen Tage einpacken muss, ist die Vorbereitung auf eine dreitägige Ausfahrt sehr schnell erledigt! Genauso wie das Zusammentrommeln der Freunde: Eine Mail mit „Zahnbürstltour“ im Betreff, die Gegend die angesteuert werden soll, zwei Wochenenden zur Auswahl an ein paar Radspezln verschickt und schon hat man ein Grupetto zusammen. Um ehrlich zu sein, ganz so „free solo“ geht es natürlich auch im engsten Rad-Freundeskreis nicht ab. Ein paar Details zur Route, ein paar wohlklingende Namen bekannter Alpenpässe und das eine oder andere Zugeständnis beim Gepäck musste ich schon machen: Florian („Mr. Cipollini“) kann auf keinen Fall drei Tage ohne Haargel, Thomas will abends nicht in der Radhose essen und ich hab einen neuen Sattel montiert und will deshalb eine Tube Sitzcreme einpacken. Nur Tassilo zieht es eisenhart durch!Zahnbuerstl-drei

Wie unter Sportlern üblich, sind – trotz der sehr unchristlichen Zeit morgens um 5:45 Uhr – alle pünktlich, die Räder schnell auf dem Heckträger verstaut und wir auf dem Weg Richtung Schweizer Grenze. Als Route für den ersten Tag haben wir uns das Stilfserjoch, Bormio, Tirano, den Bernina Pass mit Ziel in Pontresina vorgenommen. Das Auto bleibt in Schluderns am Reschensee stehen. Als wir zu viert vom Parkplatz rollen, das Wetter ist eher durchwachsen und die Prognose für den Tag nicht gut, hab ich dann doch ein mulmiges Gefühl. Drei Tage, diverse Pässe, abwechslungsreiches Wetter. Ich schau kurz auf mein Rad – eine kleine Tasche von Powerbar für das Oberrohr mit ein paar Gels und ein paar Riegeln drin. In der Satteltasche Ersatzschlauch, Kartusche, Tool, die Sitzcreme und der Autoschlüssel. In den Trikottaschen Ärmlinge, Weste, Jacke, Geld und ein Fotohandy. Na ja, wird schon gut gehen denk ich mir und summe leise „it´s a beautifull Day“ von U2 vor mich hin, als wir auf die Straße Richtung „Passo Stelvio“ abbiegen. Es rollt.Zahnbuerstl-serpentineDie Gruppe ist sehr harmonisch und jeder macht Bilder mit unseren neuen tollen Handys. Auch als in Trafoi der Regen einsetzt, verschlechtert sich die Stimmung nicht. „Typischer Stelvio Nieselregen“ meint Florian, „Bergauf stört des null“ meint Tassilo. Und wir haben Glück, dass ab der Franzenshöhe der Regen wieder aufhört und wir die beeindruckenden und furchterregenden letzten 6km trocken in Angriff nehmen können. Der Stelfio heißt nicht umsonst „Die Königin der Passstraßen“ und jeder, der sie schon gefahren ist und sich die schier unzähligen Kehren, mit denen sich die Straße die letzten 500hm nach oben windet, ins Gedächtnis ruft, wird wohl jetzt zustimmend nicken. Das letzte Stück am Stelvio ist wirklich einzigartig, links der Gletscher, die Straße und das Ziel immer vor Augen – wunderbar! Wäre da nicht die Passhöhe: Souvenirläden, Restaurants, Autos und 1000 Motorräder. Das Passschild übersäht mit Aufklebern und ein Rummel wie am Marienplatz.Zahnbuerstl-dellostelvio Also schnell das „Passfoto“ geschossen, eine Dose Forst als Gipfelbier gekippt und ab auf den Weg nach Bormio. Dass die Passhöhe auf 2757hm im Hochgebirge liegt, wird uns nach nur wenigen hundert Metern Abfahrt schlagartig bewusst: Starkregen! Die Luft kühlt sofort auf 4° ab und ans weiterfahren ist nicht zu denken. Wir suchen unter dem Vordach eines Gebäudes Schutz und diskutieren die Lage: Runter? Unmöglich - Keiner hat mehr Gefühl in den Fingern und meine „Putenpelle“ schreit förmlich nach Wärme. Hier bleiben? Bei 4°, total nass und Wind. Geht auch nicht. Also wieder Rauf? Die einzige Möglichkeit. Als wir uns gerade damit abgefunden haben, knarzt hinter uns die Tür. Alfredo öffnet sein Ristorante und bittet uns herein.

Die Stoffservietten werden als Handtücher missbraucht und nach einem Teller Nudeln und einem Cappuccino bessert sich die Laune und erfreulicher Weise auch das Wetter wieder deutlich. Wir können die Abfahrt nach Bormio richtig genießen. Es wird immer wärmer und die Landschaft ist auch auf dieser Seite vom Stelvio einfach nur beeindruckend. In Tirano verlassen wir nach einem Eiscafé Italien, um endlich Grau- bündner Boden unter die Reifen zu bekommen und den zweiten Pass des Tages in Angriff zu nehmen. Aber irgendwie sollte es wohl an dem Tag nicht sein: Ein Platten gleich bei der Einfahrt, dann fädelt Tassilo in Le Presse mit dem Vorderrad in die Schienen der Rhätischen Bahn ein, die im Ort auf der Straße verlegt sind, und stürzt. Gott sei Dank kann er mit ein paar Schürfwunden und zwei Achtern im Rad weiterfahren. Doch der Himmel wird immer schwärzer und das Donnergrollen immer lauter. Und es kommt was kommen muß: Starkregen die zweite! Auch in dieser Situation zeigt sich, dass unsere Gruppe sehr harmonisch ist. Es gibt keine lange Diskussion und keiner „muß“ unbedingt den Passo erreichen. Wir steuern das nächste Restaurant an, brechen die Tour für heute ab und fahren mit dem Postbus nach Pontresina.

Am nächsten Morgen sieht die Welt gleich wieder ganz anders aus: ein abendlicher Saunagang, eine Riesen Portion Pizzoccherie, Wäscheservice, ein gutes Frühstück und der blaue Himmel über dem Corvatsch. Alles vergessen, alles gut! Als erstes müssen wir jedoch heute ein Radgeschäft ansteuern, um die Achter in Tassilos Rad reparieren zu lassen.Zahnbuerstl-werkstattMit etwas Verspätung und der bangen Vorhersage von Bernie – dem sehr versierten Schrauber in im Bikezentrum Pontresina – „bei dem Wind heute, werdet Ihr den Julier auch runter treten müssen“ rollen wir durch St. Moritz und entlang der Silvaplana Seen. Postkartenidylle pur, die sich wegen der tiefen Temperaturen am Vortag und dem Regen noch farbenprächtiger und kitschiger präsentiert als ohnehin. Die 470hm von St. Moritz bis hoch auf den Julierpass sind schnell erklommen. Aber Bernie sollte Recht haben. Auf der Abfahrt müssen wir ordentlich treten und so zieht es sich bis zur Einfahrt zum Albula. Den Albula Pass kannte bis dato keiner in unserer Gruppe. Es wird ihn aber auch so schnell keiner mehr vergessen! Denn was sich auf den 1280 hm zwischen Tiefencastel und der Passhöhe auf 2318hm alles zu sehen bietet, ist unglaublich: die Rhätische Bahn, die den Anstieg mittels Brücken, Kehren und Spiraltunnels erklimmt. Die tiefe Schlucht kurz vor Bergün. Bergün selbst, das einem vorkommt als entstamme es einem Graubündner Reiseprospekt und natürlich die wunderschöne Landschaft mit dem Lai da Palpuogna – einem smaragdgrünen Gebirgssee auf 1900hm - durch die man fahren darf.

Nach so viel Eindrücken konnten uns nicht mal die 125 Franken für die 4 Gulaschsuppen, 8 kleine Radler und 4 Espressi im Pass- Hospiz die Laune verderben. Der Blick auf die Uhr jedoch schon. Halb fünf und der Fluela mit 900hm noch vor uns. Die Strapazen und die Kälte des Vortags steckten allen noch in den Knochen und so entscheiden wir, nicht über den Pass, sondern mit der Bahn unten durch zu fahren. 20 Minuten mit dem Autozug statt 2 Stunden mit dem Rad. Nur den Wolfgangspass zwischen Bahnverlad und Davos hatte ich nicht mehr auf dem Schirm und der Fehler mit dem Autozug und nicht mit der Rhätischen Bahn gefahren zu sein, die gleich gegenüber unserem Hotel in Davos hielt, wird mich abends noch das eine oder andere Getränk kosten.
Auf Empfehlung der reizenden, niederbayrischen Rezeptionistin im Hotel Grischa steht am zweiten Abend kein Käsefondue oder Nudeln, sondern Chinesisch auf dem Programm. Beim viergängigen Menu „Lotusblume“ kehrt am Tisch andächtige Ruhe ein, Thomas lobt „Das beste Rindfleisch, das ich außerhalb Chinas gegessen habe“, ich bezahle meine Getränkeschulden und Florian bestellt noch Reis. Eigentlich wollten wir nach dem Essen noch Freunde treffen, aber unsere Sachen sind ja in der Wäsche, draußen ist es empfindlich kalt und die Betten haben so einladend ausgesehen…Tag drei begrüßt uns mit dem Fluelapass zum warmwerden.Zahnbuerstl-panorama Ein Glück, dass sich die 823hm ab Davos sehr angenehm fahren lassen. Der Pass erreicht nur auf einem kurzen Stück Steigungswerte von 10% – warmfahren auf einem schönen Pass und in wunderschöner Natur. Weswegen wir die Fahrt auch immer wieder zum Fotographieren unterbrechen mussten, was die Graubündner Kühe zur Gelegenheit nahmen, das Salz von unseren Velos zu lecken. Auf der schnellen Abfahrt wird uns allen noch mal bewusst, am Vortag die Richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die Ostauffahrt hätte uns viel Zeit und wohl auch die letzten Körner gekostet. Mit dem guten Gefühl alles richtig gemacht zu haben, rollen wir derweil auf den letzte Anstieg unserer Tour zu: Den Ofenpass. Eigentlich sind das ja zwei Anstiege. Erst 6km bergauf, dann eine 6km Abfahrt und zum Finale Grande noch mal 10km auf 2149hm. Auch der Ofenpass ist leicht zu fahren und so rollen wir mit immer mehr Adrenalin im Blut und immer breitem Grinsen im Gesicht der Passhöhe entgegen. Zahnbuerstl-anstossenEin paar letzte Bilder, die obligatorische Runde Weißbier und dann geht es in rasender Fahrt durchs Val Mustair der Italienischen Grenze und dem Auto entgegen.Am Ende steht für alle fest: Man braucht nicht viel um glücklich zu sein. Nicht viel Gepäck, keine große Planung, keine langen Diskussionen. Nur vier Freunde, ein paar Pässe, schöne Natur, ein paar wohlverdiente Kaltgetränke und ein Rad. Und mit dem haben wir wieder viel erlebt. Drückende Hitze im Tirano, Schneeregen am Stilfserjoch.Zahnbuerstl-kurveJeder hatte seinen Einbruch, jeder kam zurück. Alle schwärmten, jeder nimmt etwas mit. Was mich am meisten beeindruckt hat ist, mit wie wenig Equipment man tatsächlich auskommt und wie gut sich eine Gruppe verstehen kann. Aus einer kleinen Campagnolo/Shimano/ Sram-Diskussion waren alle Entscheidungen schnell und einstimmig getroffen. So soll es sein.

Als alle Räder verstaut sind, wir nach drei Tagen das erste mal wieder normale Klamotten anhaben und ich den Motor anlasse ist das Ende des U2 Songs zu hören. What a beautifull Day…

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