Alessandro Petacchi

Alessandro Petacchi

„Mit dem Sieg von Mailand – San Remo ging ein Kindheitstraum in Erfüllung.“
Es passt alles – das verschmitzte Lächeln, die sonore, wenn auch leise Stimme, das zurückhaltend freundliche und doch bestimmte Auftreten. Oder kurz: sehr smartes Kerlchen dieser Alessandro Petacchi, der direkt dem Katalog „Traum der Schwiegermütter“ entstiegen zu sein scheint. Was indes irritiert: Der 43-Jährige ist einer der erfolgreichsten Radsportler aller Zeiten, hat alleine bei den drei großen Landesrundfahrten insgesamt fast 50 Siege einfahren können, 22 beim Giro d’Italia, 20 bei der Vuelta und 6 bei der Tour de France. Als Sprinter. Und dieser Gattung sagt man nach, dass sie sehr speziell sei, vor allem die erfolgreichen unter ihnen. Muss auch so sein, wenn man bei Tempo 70 Schulter an Schulter dem Zielstrich entgegenrast, drängelt, schubst und in Lücken stößt, die es gar nicht gibt.

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Also Herr Petacchi, wo bitte ist Ihre dunkle Seite, nur mit einem sympathischen Wesen kommt man inmitten einer rasenden Meute eher unter die Räder als dass man als erster die Ziellinie überquert? Ein Mario Cipollini war exaltiert, ein Erik Zabel galt als erfolgsbesessen, ein Mark Cavendish fuhr und fährt bildlich gesehen mit dem Messer zwischen den Zähnen, sobald das Ziel in Sicht ist - so gesehen scheint Petacchi zunächst mal komplett aus der Art zu schlagen. „Ich habe wirklich keinen Spleen. Und ich habe mich auch nie in jemand anders verwandelt, wenn ich die Ziellinie zu sehen bekam. Ich hatte ehrlich gesagt sogar ein Stück weit Angst, wenn es eng zuging. Auf Biegen und Brechen zu fahren, war nicht mein Ding“, betont er heute mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Kein Wunder also, dass die Profiszene ihm einst den Beinamen Gentleman-Sprinter verpasst hatte. Sein sprinteratypische Attitüde könnte auch ein Stück weit daher rühren, dass er zunächst gar nicht wusste, dass er einer ist, noch dazu einer mit solchen außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Zu Beginn seiner Profilaufbahn galt er als passabler Allrounder, nicht schlecht am Berg, nicht schlecht im Kampf gegen die Uhr, aber doch in beidem nicht gut genug für eine Karriere als Rundfahrer. Als sich der aus Ligurien stammende Italiener im Alter von 25 Jahren dem damaligen Weltklasse-Rennstall Fassa Bortolo anschloss, hatte er gerade mal einen Sieg im Gepäck. Als er fünf Jahre später ging, hatte er weit über 100 Siege in seiner Palmarès stehen. Sportdirektor Giancarlo Ferretti sei Dank. Er war es, der den Sprinter in Petacchi entdeckt und konsequent gefördert hat. „Ohne ihn wäre ich wohl nie zum Siegfahrer geworden. Er konnte meine Stärke zu Tage fördern, weil er mich als Mensch und nicht nur als Rennfahrer verstanden hat“, so Petacchi über den Mann, den er als seinen väterlichen Mentor bezeichnet. Und als solcher war Ferretti ebenso wichtig wie als Trainer, denn Petacchis Weg in die absolute Weltspitze war begleitet von Selbstzweifeln. „Ich war ein sehr sensibler Fahrer. An Niederlagen zum Beispiel hatte ich lange zu knabbern.“

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So gesehen ist auch Erik Zabel, einst einer seiner Hauptkonkurrenten, ein gar nicht so unwichtiger Förderer gewesen. Unbewusst und unbeabsichtigt, sei angefügt, denn es war ein Sieg über den Deutschen, der Petacchi einst gewaltigen Rückenwind verlieh. „Ich weiß zwar gar nicht mehr, bei welchem Rennen ich ihn erstmals schlagen konnte. Was ich aber noch genau weiß, dass dies ein richtiges Aha-Erlebnis war. Wenn ich so eine Radsport-Legende schlagen kann, muss ich doch ganz gut sein, dachte ich mir damals.“ Gut gedacht, als er 2012, also wenige Jahre später, im deutschen Team Milram Seite an Seite mit Zabel fuhr, war auch er längst schon eine Legende.

Dass diese Konstellation bestens funktionierte, sagt ebenfalls viel über Petacchi aus. Zwei Weltklasse-Sprinter in einem Team ist im Regelfall nämlich nur eines, und zwar einer zu viel – nicht so in diesem Fall. Zabel, der extrem siegfixierte, hatte jedenfalls kein Problem damit, für den Italiener einen Sprint anzufahren. „Dass ich zum Beispiel 2007 bei Paris – Tour gewinnen konnte, verdanke ich Erik“, erinnert sich Petacchi, der an dem äußerst kollegialen Miteinander mit dem einstigen Erzrivalen so gar nichts Besonderes finden kann. „Jeder von uns hatte etwas andere Wettkampfschwerpunkte, zum anderen befand sich Erik auf der Zielgeraden seiner Karriere. Er wusste, dass ich zu jenem Zeitpunkt der endschnellere Mann war.“ Traf fraglos alles zu, aber es spielte bestimmt auch eine Rolle, dass Petacchi dem Deutschen mit Hochachtung begegnete. Der damals von ihm geäußerte Satz „es ist eine große Ehre für mich, mit Erik in einem Team zu fahren“ sagte er nicht nur öffentlichkeitswirksam so dahin, er lebte ihn auch.

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Von den vielen, vielen Triumphen, die sich der Mann aus La Spezia ersprinten konnte, liegt ihm einer ganz besonders am Herzen: und zwar der im Jahr 2005 bei Mailand – San Remo, seinem Heimrennen. „Als kleiner Bub hatte ich immer davon geträumt, es einmal zu gewinnen. Es ging also ein Kindheitstraum in Erfüllung.“ Bei dem Erfolg, der für ihn in puncto Bedeutung ganz knapp hinter Mailand – San Remo liegt, spielte ein Deutscher eine gewichtige Rolle – und dessen Nachname beginnt nicht mit „Z“. Gemeint ist Daniel Hondo, der 2010 bei der Tour de France Mannschaftskollege Petacchi im italienischen Rennstall Lampre war. Der Brandenburger, der erste Mann in Petacchis Sprintzug, trieb seinen Boss förmlich zum Gewinn des Grünen Trikots. Das hatte dieser nämlich beim Tourstart überhaupt nicht auf seinem Radar, doch dann kam Hondo. Und zwar jeden Abend auf Petacchi zu und beschwor ihn, dass er mit Hilfe des Teams diese Wertung gewinnen könne und es folglich auch müsse. „Tja, und diese Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit, typisch Deutsch eben, hatten eben sehr ansteckend gewirkt“, erinnert er sich schmunzelnd.

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Im Juni 2015 stieg er aufgrund einer hartnäckigen Viruserkrankung im fortgeschrittenen Sportleralter von 41 Jahren endgültig aus dem Sattel – als Profi. Das Radfahren an sich wird er nie aufgeben. „Ich liebe diesen Sport. Und das endet ja nicht damit, wenn man keine Rennen mehr fährt. Deswegen werde ich ihn auch immer betreiben.“ Wenn auch in deutlich geringerem Maße als noch vor wenigen Jahren. „Es sind jetzt eher die kurzen, ein bis zwei Stunden langen Einheiten – und die meist auf dem Mountainbike. Wenn ich mich jetzt des Öfteren für vier, fünf Stunden zum Radfahren verabschieden würde, bekäme ich richtig Ärger mit meiner Frau.“ Zumal er ohnehin unverändert viel in Sachen Radsport unterwegs ist. Für die italienische Sportartikelfirma Northwave ist er als Markenbotschafter tätig, zudem arbeitet er auch bei der Entwicklung der Radsportschuhe mit.

Parallel dazu versucht er mit seinem Freund, dem zweimaligen Weltcup-Gewinner Michele Bartoli, einen Rennstall auf die Beine zu stellen. Ein ehrgeiziges Projekt, denn Sponsoren zu gewinnen, ist gelinde gesagt knifflig. Und so gilt es viele, viele Klinken zu putzen, ohne dass es derzeit absehbar ist, ob dieses Vorhaben Realität wird. Welche Rolle Petacchi einnehmen wird, wenn es denn den Rennstall eines Tages gibt, steht aber bereits fest. Er würde die Fahrer betreuen – und zwar auf die Weise, wie es einst Ferretti bei ihm praktizierte. „Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, kannst du beim Leistungstest Spitzenwerte erzielen und dann im Rennen doch chancenlos sein, weil du ein privates Problem oder nicht genügend Selbstvertrauen hast. Deswegen ist es wichtig, dass du jemanden an deiner Seite hast, der dir nicht nur sagt, wie du zu trainieren hast oder dir die Renntaktik vorgibt.“ Einen wie Petacchi, denn das würde wunderbar passen.

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