Emilio De Marchi

Emilio De Marchi

Historical Race

Text: Ralf Jirgends | Foto: Daniel Sommer

Es geht bergab, wir biegen links ab und fahren in einen leichten Anstieg. Eigentlich keine große Sache und ein Manöver, das jeder Radfahrer 1000mal pro Saison macht. Aber ich bin richtig im Stress! Die Bremsen funktionieren nicht wirklich, das Kurvenverhalten meines Rennrades ist gelinde gesagt „gewöhnungsbedürftig“ und ich hab natürlich schon wieder den falschen Gang drin, um in den Gegenanstieg locker weiter zu pedalieren. Also, Hände von den Bremsen, der ungewohnte Griff an den Rahmen, Druck vom Pedal, Gang suchen, vorsichtig testen ob er auch wirklich drin ist und erst dann kann ich den Druck auf meinem 35 Jahre alten Bianchi langsam erhöhen, um wieder zur Gruppe aufzuschließen.

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Es ist Ende Mai in Conegliano, Italien. Conegliano liegt in der Provinz Treviso im schönsten Prosecco Anbaugebiet. Ein Landstrich, in dem ich noch nie vorher war. Sicher, vorbei- oder durchgefahren, aber eben noch die DA gewesen – Angehalten, Übernachtet und Radgefahren. Und gestern haben wir eine andere Welt betreten: Das Geschäft von De Marchi in der Viale XXIV Maggio ist eine Mischung aus Radwerkstatt, einer italienischen Cafébar, einem Sportgeschäft und einem Radmuseum. Das ganze gemischt mit der Tradition eines Familienbetriebs, der seit drei Generationen die Mission des Firmengründers Emilo de Marchi fortführt: Die besten Radsportprodukte zu fertigen, die zur jeweiligen Zeit hergestellt werden können. Seit 1946 stellt De Marchi Radsportbekleidung her. Immer in Italien, immer mit dem Anspruch Funktionalität mit Design zu verbinden – italienisch eben. Im Geiste dieser Tradition hat Mauro Coccia, Enkel von Firmengründer Emilo De Marchi, das „Emilio De Marchi Historical Race“ ins Leben gerufen. Und wir sind seinem Ruf gefolgt.

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Haben die guten alten Rennmaschinen vom Dachboden geholt, die Räder zentriert, die Schublade mit den alten Radsportklamotten durchforstet, zuhause bei den Eltern angerufen, ob da noch irgendwo der Sturzring rumliegt und einige Leute wegen der passenden Radschuhe verrückt gemacht. Aber als wir – mehr oder weniger „historisch“ gewandet am Sonntag Richtung Start rollen – um dann erst mal standesgemäß eine Espresso zu trinken - wird uns klar, dass wir im Mutterland des Radsport sind und dass hier unser 35 Jahre altes Bianchi eher ein „Youngtimer“ ist. Laut Reglement dürfen die Räder nicht nach 1987 hergestellt sein und müssen über eine Rahmenschaltung verfügen. Wobei einige der Räder aus der Ära des Radsports stammen, in der noch das Hinterrad gedreht werden musste, um auf eine andere Übersetzung zu „schalten“. Alutrinkflaschen am Lenker, umgebundene Ersatzreifen, umwickelte Radsocken prägen das Bild. Und eine Rad Marke ist besonders oft vertreten: Bottecchia. Natürlich, denn Bottecchia ist eine Traditionsfahrradschmiede aus der Gegend. Firmengründer Ottavio Bottecchia war der erste Italiener, der die Tour im Jahr 1924 gewinnen konnte. Und er schaffte es 1925 noch ein Mal.

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In dieser fast ehrwürdigen Stimmung machten wir uns schließlich auf die 90km in den Hügeln des Altamarca. Die Runde als „Rennen“ zu bezeichnen ist aber der denkbar falsche Ausdruck. Es geht darum, einen Sport zu huldigen, sich vor den Heroen der guten alten Radsportzeit, als die Trikots noch aus Wolle waren und ein Peugeot 504 das Peloton begleitete, zu verneigen. Es geht darum, zusammen Spaß zu haben, sich gegenseitig zu helfen, die unglaublich schöne Natur zu genießen, durch die wir auf unseren alten Stahlrädern fahren dürfen. Es geht darum, den besten, reifenschonendsten Weg auf den „Strade bianchi“ zu finden und eine gute Zeit in den alten Ledersätteln von vor 1986 zu haben.

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Auch die Verpflegungsstationen unterscheiden sich deutlich von denen bei normalen Rennen. Wer Riegel, Gel, Bananen, oder Elektrolytgetränke erwartet, wird enttäuscht. Oder freudig überrascht. Die 90km sind mit Sage und Schreibe fünf „Ristoro“ gespickt. Die Ristoro sind aber nicht irgendwelche am Straßenrand errichteten Verpflegungsstationen, sondern ausschließlich, von den lokalen Prosecco Kellereien ausgerichtete Apperitivo Bars. Brot, Crudo, Käse und Prosecco. Das Wasser in der Trinkflasche gerät schnell zum Alibi und selten haben wir bei einer 90km Ausfahrt wohl mehr Kalorien zu uns genommen als verbraucht. Aber, wer sich darüber, mit einem eiskalten Glas Prosecco in der Hand, in Wolle gekleidet hier im Herzen Italiens Gedanken macht, ist wohl fehl am Platz. Der Prosecco hat neben dem, dass er wunderbar schmeckt und locker das Powerbar Getränk ersetzen kann, auch noch die wunderbare Wirkung, dass alle gesprächiger werden und die Sprachbarrieren deutlich niedriger werden. Wir mit holprigem Italienisch, die Italiener mit deren typischer Interpretation von Englisch, nehmen die Unterhaltung während der Fahrt und vor allem bei den Verpflegungsstationen deutlich zu. Mauros Tochter studiert im München, Flavio ist ehemaliger Profi, der nur noch Startnummern ans Rad macht, wenn das Rad ein historisches ist. Livio, 72, der unangefochtene Star der Ausfahrt erklärt, dass es beim Radfahren bis ins hohe Alter nicht darum gehe, am Wochenende 200km zu fahren. Wichtig seien die 30km jeden Tag! Und das, mit einem Lächeln im Gesicht, einem Glas Prosecco in der Hand und einem Colnago Sanvido aus den Sechzigern zwischen den Beinen.

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Und so fahren wir weiter, durch Orte die wunderbare Namen wie Refrontolo, Corbanese Revine, Mira, Tarzo und Follina tragen, über Kopfsteinpflaster und Schotterstraßen und über wunderschöne grüne Hügel. In allen Ortschaften jubeln Einheimische und Touristen gleichermaßen, wenn sie unser historisches Grupetto vorbei - rauschen sehen. Es ist einer dieser besonderen Tage, die man wahrscheinlich nur auf oder mit einem Rennrad erleben kann. Und sei es, weil ich mich nach den 90km langsam an die alte Campagnolo Schaltung gewohnt habe, oder weil ich wegen dem vielen Prosecco einfach etwas geschmeidiger und ein wenig gelassener mit ihr umgehe, flutschen jetzt auch die Gänge rein und ich kann sogar um den in Italien obligatorischen Zielsprint mitfahren. Gewinnen natürlich nicht, das gebietet der Anstand und der Respekt vor so viel Tradition und der Dank, dabei gewesen zu sein.

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