ALTA BADIA

ALTA BADIA

RADFAHREN IM WELTKULTURERBE

Bericht: Ralf Jirgens | Fotos: Sportfotograf & Bicicletta da Corsa

Am Passo di Giau schlägt das Wetter um. War es beim Start unserer Tour in Corvara nur kalt, kommt jetzt Regen dazu. Ich hebe nur die Hand und schon kommt Nate im Begleitfahrzeug angerauscht. „What do you need? Water, something to eat or your jacket?” Trotz des Regens, der auch langsam in Schnee übergeht, fühle ich mich großartig. Morgens standen unsere nagelneuen Pinarello Rennmaschinen schon für uns bereit, unsere Gruppe wird von Eros Poli – ehemaliger Radprofi, Olympia sieger und sechsfacher Tour Teilnehmer – angeführt und hinter uns fährt der dunkle InGamba Servicewagen. Wieder mal bin ich im gelobten Land unterwegs und wieder mal hält es einige neue, großartige Erlebnisse bereit.

Rennradfahren ist mehr als Radfahren. Rennradfahren in Italien ist mehr als Rennradfahren. Und Rennradfahren in den Dolomiten – im Unesco Weltkulturerbe – ist wahrscheinlich das schönste und beeindruckendste, was man auf zwei Rädern machen kann. Alta Badia liegt im Herzen der Dolomiten und hat sich im Sommer ganz dem Radsport verschrieben. Das neue Logo, auf denen Berge mit einem Rennrad addiert und bei dieser Rechnung Alta Badia herauskommt, ist nicht nur die schöne Idee einer gerissenen Marketingagentur. In Alta Badia wird Radsport gelebt und geliebt. Und an einem Ort scheint das alles zu kumulieren: Im Hotel La Perla in Corvara. Und hier wieder in den Köpfen bzw. den Beinen von Michil und Matthias Costa. Wie das Hotel zu DEM Rennradhotel geworden ist das es heute ist, wird zwischen den Brüdern immer noch diskutiert: war es der langjährige Hausgast Fausto Pinarello, der Matthias weg vom Golf und hin zum Rennrad brachte oder war es Michil, der als Organisationschef des Marathon dles Dolomites mehr den „grünen Aspekt“ des Radfahrens in seinen geliebten Dolomiten sieht.

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Im Hotel entstand die Pinarello Lounge, in der wunderschöne Rennräder aus der guten alten Zeit neben der aktuellen Rennmaschine vom Chris Froome hängen. Radsportler sind dort mehr als willkommen und keiner stört sich daran, wenn man in Radschuhen und Radklamotten durch das 4* Haus stöckelt, in dem seit heuer auch InGamba seine Zelte aufgeschlagen hat. Der Claim „Eat up miles. Drink the culture“ passt wie die berühmte Faust aufs Auge. Radfahren auf Profiniveau. Auf den allerneuesten Rädern und immer in Begleitung eines ehemaligen Radprofis und des Begleitfahrzeugs. Schon vor der Anreise werden per Mail die Körpermaße für das Bikefitting und die Teamklamotten abgefragt. Die Räder stehen mit frischem Service und Namensaufkleber versehen perfekt eingestellt für die Fahrer bereit. „The only thing we want you to touch on your bike is the handlebar. All the rest we will do for you.” Und der “ganze Rest” ist eine Menge: Auf dem Garmin ist die Tour eingespeichert, die Flaschen sind gefüllt, die Verpflegung liegt bereit. Das Begleitfahrzeug steht für das „Gepäck“ – jeder Teilnehmer bekommt eine namentlich gekennzeichnete Sicon Rainbag in der man alles verstauen kann, was man denkt, das man es im Laufe der Tour brauchen könnte – zur Verfügung. Und das ist auch eine Art von Luxus. Man muss sich nicht auf das beschränken, was in den eigenen Trikottaschen Platz hat, sondern kann großzügig noch eine Jacke, ein Paar Handschuhe und – wegen der wirklich tiefen Temperaturen am Start – sogar eine Primaloftjacke einpacken. Und an besagtem Samstag im Juni, war gerade die Primaloftjacke Gold wert.

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Über den Passo Campolongo war es nur frisch, bei der Einfahrt zum Passo di Giau fing es leicht zu regnen an, doch je höher wir uns auf der Passstraße schraubten, desto ungemütlicher wurde es. Auf der Passhöhe auf 2233 hm ging der Regen dann in Schneeregen über und es half nur noch die Flucht ins gleichnamige Berghotel. Zwei Espressi und eine Flasche Lagrein Riserva später, sah die Welt schon wieder ganz anders aus: Die Regenwolken hatten sich verzogen und die Dolomiten präsentierten sich in dem für sie ganz eigenen Licht. Die Wiesen etwas grüner und der Himmel blauer – was natürlich auch an dem Glas Lagrein nach einem 10km Anstieg gelegen haben kann. Die Abfahrt mit warmer Jacke, Handschuhen und Mütze unter dem Helm war eine ganz neue, warme Erfahrung. Auf dem Anstieg zum Passo di Falzarego fuhr ich neben Eros, war beeindruckt von all den Geschichten, die er als langjähriger Radprofi zu erzählen hat. Sein größter Sieg? Ganz klar der Etappensieg bei der Tour 1994: 170km Soloflucht über dem Mont Ventoux, teilweise mit über 20 Minuten Vorsprung auf das Hauptfeld und im Ziel immer noch knapp zwei Minuten vor Marco Pantani. „I have to show you the video, when we are back in the hotel!” grinst er sehr stolz zu mir rüber. “It was the best day in my life”.

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Vor dem Abendessen treffen wir mit frisch massierten Beinen und alle mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht, zur “Teambesprechung” mit Nate unserem „directeur sportif“: Am Sonntag steht der Sella Ronda Bike Day auf dem Programm. Die komplette Sella Ronda ist von 9.00 Uhr bis 15.00 Uhr für den Autoverkehr gesperrt. Was leider heißt, dass wir uns von dem liebgewonnenen Begleitfahrzeug nach einem Tag schon wieder verabschieden müssen, aber natürlich auch, dass es eine ganz besondere Erfahrung wird: Kein Lärm, kein Verkehr, nur die 56km, die 4 Pässe und wahrscheinlich 18.000 Radfahrer. „It is not a race! Just cycle for your own pleasure.“

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Und es wird auch wirklich zum Genuss. Die Sella Ronda an sich ist ja schon eine sehr, sehr schöne Radrunde. Aber das ganze ohne den lästigen Auto- und Busverkehr, ohne die schreienden Auspuffe der verschiedenen Motorradclubs und zusammen mit tausenden Gleichgesinnten macht es einfach nur Spaß. Und man wird fast ein bisschen andächtig und überlegt, ob so etwas nicht öfter stattfin den müsste und ob es nicht Sinn machen würde, den Individualverkehr in so einzigartigen Orten wie dem Weltkulturerbe nicht öfters Einhalt zu gebieten. Gott sei Dank gibt es Initiativen wie den Sella Ronda Bike Day, der zweimal im Jahr stattfindet, den Plose Bike Day und Menschen wie Michil Costa, die ihre Heimat so lieben, dass sie sie unbedingt schützen und erhalten wollen. Und Gott sei Dank gibt es an dem Tag 22.000 Radfahrer, die sich hier ganz einig sind und einfach nur die unglaublich schöne Natur, die Ruhe und die schönen Passstraßen genießen wollen.

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Zwei Wochen nach dem Bike Day steht schon das nächste Highlight auf dem Kalender: Der Maratona dles Dolomites den Antonio Marano, der Direktor von RAI 2, zusammen mit dem New York Marathon auf eine Stufe zu den beeindrucktesten Sportereignissen der Welt hebt. 9000 Starter, drei Runden mit 56km, 104km und 136km und Pässe, die bei jedem Radsportler Gänseheut auslösen. Als ich zu meinem Startblock durch La Villa rolle, wird mir die unglaubliche Menge an Radsportlern erst richtig bewusst. In jeder Seitenstraße, auf jedem Parkplatz, ja sogar in den Hofeinfahrten stehen Radfahrer. Im Startblock merkt man deutlich, dass wir im Heimatland des Radsports sind. Alle bestens rasiert, nur teure und blankgeputzte italienische Nobelmarken, Trikots, die zu den Hosen passen, die Schuhe zu den Socken und die Brillen zum Helm – Bella Italia! So muss das sein. Die Sonne spitzt gerade über die Gipfel des Lavarela und bringt den Sella Stock zum Leuchten. Es ist blauester Himmel und hat schon jetzt, morgens um 6:30, fast 18 Grad. Jeder kennt die Momente morgens im Startblock: die Mischung aus Erwartung und Angespanntheit, das Adrenalin ist förmlich zu riechen, die Blase drückt – Gänsehaut! Und als dann der Pfarrer von La Villa in vier Sprachen – Italienisch, Ladinisch, Deutsch und Englisch – einen Segen für alle spricht, hebt sich das Trikot gefühlte 2cm vom Körper.

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In die andächtige Stille, die in dem Moment im Peloton herrscht, fällt der Startschuss. Zuerst geht es Richtung Corvara, dann auf die Sella Ronda. Den Passo Pordoi fahre ich neben Maria Canins, eine der erfolgreichsten Damenradsportlerinnen der 70er und 80er Jahre des vergangen Jahrhunderts. Sie wohnt in La Villa und es ist für sie natürlich eine Selbstverständlichkeit, bei ihrem Heimrennen dabei zu sein. Wie viele Einheimische sich selbst auf´s Rad schwingen, um beim „Maratona“ dabei zu sein erfährt man, wenn man die 9km des Passo Pordoi am Hinterrad einer bekannten Radsportlerin fährt. Jeder kennt Maria, jeder grüßt und für die meisten ist sogar Zeit für ein kurzes Schwätzchen. Überall merkt man die Geschichte. Der Pass ist eng mit Coppi und Bartali verbunden, die auf seinen Straßen Radsportgeschichte geschrieben haben. Er war 13 Mal der höchste Punkt des Giro d’Italia. Die Durchschnittlich 6,9% sind wunderbar zu fahren und nachdem wir das Monument zu Ehren von Fausto Coppi passiert haben, stürzen wir uns in die Abfahrt ins Fassatal. Sellajoch, mit der unglaublichen Aussicht auf den Langkofel, und Grödnerjoch sind schnell passiert und nach der Abfahrt zurück nach Corvara sind die ersten 55km und die erste Zieldurchfahrt geschafft. Das Feld hat sich gut sortiert und um mich herum eine schöne Gruppe gefunden. Anhand der Startnummern, auf denen neben dem Namen der Fahrer auch deren Nationalität vermerkt sind, sehe ich, dass sie aus ca. 80% Italienern, ein paar Niederländern und einem wilden Mix aus dem Rest Europas besteht. Bekanntester Radfahrer unserer Gruppe ist Fausto Pinarello – Inhaber der gleichnamigen Radmarke und Fan von Alta Badia.

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Da der Radmarathon auf drei verschiedenen Strecken ausgetragen wird, kann jeder Teilnehmer auch erst während des Rennens die Streckenlänge selbst wählen. In Cernadoi hat man die Wahl zwischen der 105km langen mittleren oder der 138km langen Maraton Strecke. Da sich meine Beine gut anfühlen, verschwende ich eigentlich keinen Gedanken daran, den Passo Giau auszulassen und folge der Gruppe um Fausto Richtung Larzonei. Die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel und brennt ungnädig auf uns herab. Bei der Einfahrt zum Passo Giau auf 1314hM hat es 32°. "Der Giau ist ein bedeutender Pass, ein besonders anspruchsvoller Anstieg. Oben am Pass ist das Panorama überwältigend: der Ampezzanische Talkessel, die Croda Rossa, der Nuvolau und der Averau vermitteln die Einzigartigkeit der Dolomiten," sagt Maria Canins. Ich habe 10km bei allen bisherigen Fahrten als „gut fahrbar“ empfunden und mich noch ein paar Tage vor dem Rennen zu dem Spruch hinreißen lassen „der Giau rollt“. Nach ca. 5km denke ich fast, der Berg hätte es gehört und straft mich jetzt für meine Überheblichkeit. Es ist heiß, steil und ich habe zu wenig gegessen. Jede Gerade wird zum Drama, jede Kurve ganz außen gefahren um möglichst lange bei geringen Steigungswerten pedalieren zu können. Gott sei Dank kommt bei Kilometer 8 ein Brunnen in Sicht, den schon ganze Horden an Radfahrern belagern. Ich wasche mir Kopf, Arme und Beine, trinke ausgiebig und rolle weiter. Und scheinbar merkt der Berg, dass ich demütig geworden bin und vergibt mir meine Worte: Es läuft wieder deutlich besser. Das „Ristoro“ oben am Passo war selten willkommener. Und als ich mich gierig über eine Käsesemmel hermache, muss ich an den Schneefall am gleichen Ort vor nur zwei Wochen zurückdenken. Am Passo Falzarego und am kurzen Valparola habe ich mich gut erholt und es geht in rasender Fahrt Richtung San Cassiano. Ein kurzer Stich in La Villa und schon könnten wir fast flach zurück nach Corvara ins Ziel rollen. Leider haben uns die Organisatoren noch die „Mür dl giat“ in den Weg gestellt: Die „Katermauer“ ist ein extrem steiler Anstieg mit bis zu 19% Steigungsgrad, der sich im Zentrum von La Villa befindet, nur 5 km vor dem Ziel. Links und rechts stehen hunderte Angehörige, eine Band spielt, die Stimmung ist super – was hilft´s? Kette links, raus aus dem Sattel und noch mal alle Kräfte auf die Pedale gedrückt. Der Puls rast und hat sicher Werte über den 200 erreicht, aber das Adrenalin pusht mich hoch und mobilisiert noch mal die letzten Körner für die letzten 5km Richtung Ziel.

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Als ich mit meiner Medaille um den Hals zurück zu meiner Pension rolle, das Rad im
Auto verstaue und dabei verträumt in die umliegenden Berge schaue, kommt die Gänsehaut
zurück und die Augen werden feucht. Wie schön ist es hier! Und wie schön ist
es hier Radzufahren! Und wie schön ist es, dass hier Radsport gelebt wird!

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