Ötztaler Radmarathon 2014

Ötztaler Radmarathon 2014

Der Ötztaler! Ein Name, der jedem Rennradfahrer sofort Furcht einflößt. Ein Name, der für Höchstleistungen und Glücksgefühle, aber auch für Leiden und Niederlagen steht. Ein Rennen, das sich jedes Jahr fast 20.000 Radfahrer antun wollen. Ein Rennen, das wie ein Ritterschlag ist. Das Bicicletta da corsa Team war letztes Jahr mit einem Viererteam – drei Herren und eine Frau – am Start: Tassilo, 40, Augenoptikermeister, Jahresleistung bis zum Ötzi 3.500 km. Michael, 43, Produktmanager, mit 4.000 km Vorbereitung, Martina, 39, Lehrerin, 3000 km und Ralf, 43, 4.000 km. Drei "Frischlinge" und ein zweifacher Finisher.

Der Tag vor dem Rennen

Martina: Einmal den Ötztaler Radmarathon mitfahren und finishen – das war mein Ziel. 2013 hatte ich einen Startplatz zugelost bekommen, doch aufgrund des schlechten Wetters – strömender Regen, kalt und die Pässe schneebedeckt – startete ich nicht. 2014 hatte ich wieder einen Startplatz bekommen. Wieder hatte der Wetterbericht Regen angesagt, doch ich wollte es auf jeden Fall versuchen, und ggf. dann das Rennen abbrechen, wenn die Verhältnisse zu schlecht waren.

Tassilo: Als ich am Vorabend in Sölden ankam und meine Startunterlagen im Kongresscenter Sölden abholte, regnete es bereits und es kamen ersten Zweifel auf: "Fahr ich morgen mit, fahr ich nicht mit…". Auf dem Weg von der Startnummernausgabe wurde mir klar – kneifen gibt es heuer nicht! – denn das langwierige Prozedere der Anmeldung mit Losverfahren und die lange Vorbereitungszeit mit viel Training, außerdem hatte ich meine Freundin nun das 2. Jahr mit dem Thema verrückt gemacht…ein 3. Mal war nicht drin. Zurück im Hotel bastelte ich meine Startnummer ans Rad, richtete meine Kleidung her, schaute nochmal zweifelnd aus dem Fenster und ging mit Ralf an die Bar. Nach ein paar "Gute Nacht Pils" konnte ich schlafen wie ein Baby und die Aufregung und der Zweifel war wie verflogen bzw. verflossen.

Vor dem Start

Michael: 04.30 Uhr war wecken, leider meldete der Wetterbericht schon ab dem Kühtai Regen, was mich sehr lange beschäftigte überhaupt zu starten, oder die Wärme des Bettes noch ein paar Stunden zu genießen. Ich entschied mich jedoch für einen Start, denn "den Traum", den Ötztaler einmal zu fahren, wollte ich dann doch nutzen. Am Frühstückbuffet herrschte schon reges Treiben und das Adrenalin war schon förmlich zu riechen. Ich war bis dato noch sehr ruhig und freute mich schon auf das Rennen. Im Startblock war es sehr kalt und die Gespräche drehten sich alle um die Renntaktik. Ich musste für mich lachen, denn ich hatte mir keine Taktik zu Recht gelegt… durchkommen und nicht zu sehr leiden und Spaß haben… war das Thema für mich, was sich jedoch leider nicht bewahrheiten sollte.

Ralf: Ich war der einzige im Team, der den Ötzi schon gefahren war. Dementsprechend war ich entspannt auf der einen Seite, aber extrem nervös auf der anderen: Ich wusste was es heißt, bei Schneefall übers Timmelsjoch zu fahren. 2012, bei meiner letzten Teilnahme, hatte ich mir an der Mautstation in Hochgurgel die Finger an der Motorhaube eines geparkten Wagens wärmen müssen, um überhaupt noch bremsen zu können. Daher auch mein Motto: "Bei Regen fahre ich nicht". Jetzt gibt es natürlich die eigene Vernunft und den sozialen Druck – und so fand ich mich, trotz miserabler Wettervorhersage und kalten Temperaturen, um kurz nach fünf in Radhosen beim Frühstück wieder. Als ich jedoch nach dem Essen vor´s Hotel ging, legt sich bei mir "ein Schalter um" und ich wusste genau, dass ich nicht fahren kann und werde.

Auf´s Kühtai

Tassilo: Nach einer letzten Radkontrolle ging es ab zum Startbereich – und natürlich regnete es…dort angekommen war ein riesen Gewimmel an Leuten – so dass es einige Zeit dauerte, bis ich den richtigen Startblock fand… und dann ging es auch schon los. Als ich losfuhr kamen mir Ralfs Worte in den Sinn: "In Innsbruck regnet es mit Sicherheit und wenn Du Glück hast, ist es dann am Kühtai noch trocken".

Martina: Die Abfahrt Sölden-Ötz ging gut. Keine Stürze, keine Verkehrsinsel übersehen und alles im Windschatten. Nach den ersten Metern im Anstieg Kühtai konnte ich gleich mal 2 Schichten Klamotten ausziehen. Ich fühlte mich gar nicht so fit. Wahrscheinlich noch geschwächt von einer vorangegangenen Erkältung. Lieber langsam angehen, war mein Motto. An der Passhöhe Kühtai fing es zu regnen an und ich dachte – naja, das war´s dann wohl, denn die restliche Strecke im Regen wollte ich mir nicht antun. Die Abfahrt war trotz Regenjacke sehr kalt, aber unten im Inntal war es wieder trocken und ich wärmte mich schnell wieder auf.

Der Brenner

Tassilo: Schnell war Innsbruck erreicht und ruckzuck befand ich mich in einer Gruppe von 20 Anderen auf dem Weg hoch zum Brenner. Leider wollte von den "Kraftsparern" keiner vorfahren, so dass ich 2/3 der Strecke alleine vorgefahren bin – danach hatte ich das erste Mal keine Lust mehr, die Laune war dahin.

Michael: Die Fahrt Richtung Innsbruck verlief gut. Immer in Unterlenker Position entwickelte sich hier und da in der Gruppe eine sagenhafte Dynamic und Innsbruck flog nur so auf uns zu. Beim Abbieger Richtung Brenner blieb auch hier die Gruppe zusammen. Leider wurde für meinen Geschmack der Brenner fast ein bisschen zu schnell gefahren. Wir sind im belgischen Kreisel die Bundesstraße hochgeflogen, fuhren an weiteren Gruppen auf und so wurde das Feld immer größer. Meine Beine fühlten sich noch gut, auch wenn es ein bisschen zu schnell war. Das Wetter spielte bis dato auch noch mit, so dass wir noch immer trocken unterwegs waren. Am Brenner war die Verpflegungsstation auch hervorragend ausgestattet. Eine kleine Schüssel Nudeln, ein Stück Kuchen und Tee und schon machte ich mich guter Dinge auf die Abfahrt vom Brenner Richtung Sterzing. Auf dieses Stück freute ich mich, denn das war das einzige Stück, das ich schon mal mit dem Rad gefahren bin.

Der Jaufenpass

Tassilo: Am Brenner oben angekommen, hab ich mich gut mit Suppe und Tee verpflegt. Es folgte die Abfahrt runter nach Sterzing und anschließend ging es gleich wieder aufwärts zum Jaufenpaß . Das war für mich der schönste Paß dieser Tour, denn es rollte auf einer gleichmäßigen Steigung dahin. Hier war es auch endlich angenehm trocken. Es kam wieder Spaß an der Sache in mir auf.

Michael: Sterzing erreicht, ging es in den Kreisverkehr Richtung Jaufen…. Und dann passierte es….. Beim Antritt nach dem Kreisverkehr schoss mir ein Krampf in den linken Oberschenkel… dachte nur Sch…. Es sind ja noch ein Paar Kilometer zu fahren. Ich hatte die Erfahrung leider schon mal zwei Jahre zuvor in London gemacht und es war ein Kampf, überhaupt ins Ziel zu kommen. "Das war in London… Topfeben, flach, aber sicher schnell und jetzt hier…. Vor dem Jaufen und dem Timmelsjoch. Das wird nichts mehr… warten auf den Besenwagen…. Das dauert ewig!" das waren meine Gedanken! Nach einer kurzen Dehnzeit fuhr ich dann weiter. Gemütlich, bedacht darauf, keine falsche Bewegung zu machen, die Trittfrequenz so zu wählen, dass der Krampf nicht zurückkommt. Dies ist mir nicht gelungen. Am Jaufen hoch musste ich sicher 10-mal vom Rad… Dehnen –Trinken-Dehnen... es war der Horror. Dennoch schaffte ich es, den Jaufen zu erklimmen. Es hatten schon einige Probleme hoch und die Labestation war komplett überfüllt. Also kurz die Flaschen aufgefüllt und weiter.

Das Timmelsjoch

Martina: Der Aufstieg zum Timmelsjoch war lang und zäh. Die Beine waren nicht mehr frisch, aber egal – das ziehe ich jetzt durch, dachte ich. Immer wieder lagen Männer mit Krämpfen auf der Straße oder schoben ihr Rad. Es kann also auch noch schlimmer sein. An der letzten Verpflegung nach 2/3 der Steigung gab es nochmal ordentlich Schokolade, Nüsse, Cola und Red Bull. Augen zu und durch, dachte ich jetzt und nahm die letzten Höhenmeter in Angriff. Es hatte sich mittlerweile eingeregnet. Außerdem zog dicker Nebel rein und es wurde richtig kalt. Die letzten Kehren musste ich richtig beißen – also Spaß hat es da nicht mehr gemacht. Tassilo: Der Regen wurde nun so heftig, dass ich nun gänzlich die Lust am Weiterradeln verlor. Ich fuhr mit Weste und trotz der Anstrengung fror ich unglaublich. Irgendwann kommt man trotzdem oben an, es waren gefühlte 3 Grad und saukalt. Bei der Abwärtsstrecke nach Sölden ging jetzt mein privates Desaster erst richtig los, denn außer, dass ich durchnässt und eiskalt war, schüttete es nun wie aus Eimern, durch meine Radbrille war kein Durchschauen mehr möglich, so dass ich nun den Rest ohne Brille fertigfuhr. Meine Bremsklötze waren mittlerweile gänzlich abgeschliffen, meine Bremswirkung war der Nässe zum Opfer gefallen.

Michael: Mit meinen Beinen und meinen Krämpfen war es die Hölle. Und es hatte dann auch noch zu regnen begonnen. Das Beste war ein Fahrer bei der Verpflegungsstation, eins am Timmelsjoch, kurz vor dem Plateau. Es ist nicht mehr weit, nur noch ein kurzes Stück, dann sind wir oben… das war der Witz des Tages. Gott sei Dank war es komplett wolkenverhangen, sonst wäre meine Motivation gegen -10 gegangen. Hätte ich ihn nochmals gesehen, hätte ich ihm die Luft ausgelassen. … gleich oben… nicht mehr weit…. Ich dachte die ganze Zeit an einen Filmtitel von James DEAN…. "Denn sie wissen nicht was Sie tun…..!"

Im Ziel

Tassilo: Als ich die letzten Meter ins Ziel einrollte dachte ich mir: Ich bin jetzt 40 Jahre alt, ich tue mir so einen Scheiß niiiie wieder an und beschloss, ab jetzt fett zu werden! Als ich allerdings zurück im Hotel zum Auftauen in der Sauna saß, war klar – nächstes Jahr bin ich auf alle Fälle wieder dabei!

Martina: Bei schönem Wetter hätte ich mir im Ziel sicherlich zuerst ein Bier geholt, hier war ich nur froh, dass mein Hotelzimmer nicht weit weg war und dort eine heiße Dusche und trockene Klamotten waren. Ich musste lange duschen, bis ich mich wieder warm fühlte und danach gab es dann doch noch das wohl verdiente Bier zum Essen. Ich freue mich sehr, den Ötzi gefinished zu haben. Ob ich noch einmal starten werde? Keine Ahnung… Michael: Die Kälte kroch so durch einen durch, dass beim Bremsen elektrische Schläge durch die Finger zuckten. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Kaputt und dennoch glücklich rollte ich nach 11 Stunden nach Sölden. Weit hinter meinem Ziel, aber dennoch froh, dass ich es geschafft habe. Trotz des Infernos habe ich beschlossen, mich nochmals anzumelden. Ich habe mit dem Ötztaler noch eine Rechnung offen… und wie heißt es so schön…"I have a dream….!"

Infobox:

Die Zeiten unseres Teams:
Martina: 10:21h mit ca. 3000 Trainingskilometern (fährt nie mit Tacho)
Michael: 11:04 h mit 5500 Trainingskilometern
Tassilo: 10:12 mit 4000 Trainingskilometern Ralf: 2h Skitour am Rettenbachferner

Der Ötzi in Zahlen: 238km – 5500hm – über 1000 freiwillige Helfer – 20.110 Brote – 8.900 Kuchenstücke – 11.400 Bananen – 50.000l Getränke – 16.000 Riegel – unzählige Erlebnisse.

www.ötztaler-radmarathon.com
www.soelden.com

TEXT: Martina Pomper, Tassilo Lermann, Michael Bogner, Ralf Jirgens
Fotos: Sportograf

Verlosungen

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