TOUR 1977 - Dieter Baumann

TOUR 1977 - Dieter Baumann

„Mit dem spektakulärsten Raubmord und mit der skandalösesten Regierungskriese lässt sich nicht halb so viel Papier verkaufen wie mit den Qualen der Tour. Sie ist das unsterbliche Sommerdrama, das sich die Franzosen nicht nehmen lassen und das die Frage zwischen der Begeisterung und dem morbiden Schauspiel der Strapazen aufwirft, welches dem Passiven ein prickelndes Gefühl des Wohlbehagens verschafft.“ So schreibt Hans Blickensdörfer in seinem Buch „Tour de France“ unter dem Titel „Geheimnis einer Popularität“ in der Einleitung seines 1977 erschienen Bildbands über das berühmteste Radrennen der Welt. Und über die Reporter, die das Spektakel begleiten. „Der Reporter aber, der im Begleitwagen manövriert zwischen dem Gipfelstürmer, der dem Etappensieg entgegenstrebt, und dem hoffnungslos demoralisierten Letzten, der nie das Ziel erreichen wird, hat die Hand am Puls des Rennens.“. Durch den Reporter will die „vom Bild stimulierte Einbildungskraft durch die geschriebene Reportage befriedigt werden.“ Aber woher kommen diese stimulierenden Bilder? Wie ist es, den ganzen Tag rückwärts auf einem Motorrad zu sitzen? Wie war es früher, ohne Digitalphotographie und Liveübertragung der Bilder direkt vom Motorrad in die Redaktion auf der ganzen Welt?

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Wir haben uns mit Dieter Baumann getroffen. Dieter Baumann hat das Fotografen- Handwerk von der Pike auf gelernt. Direkt nach seiner Ausbildung zum Werbefotografen fuhr er zu den Olympischen Spielen 1972 nach München und blieb anschließend ganz bei der Sportfotografie. Das eindrucksvollste Erlebnis in seiner Laufbahn als Fotograf war für ihn die Tour de France 1977, die er als Fotograf hinten auf dem Motorrad erlebte.

 

 

BDC: Wie wird man Sportfotograf?
Dieter Baumann: Ich bin mit dem Fotografieren aufgewachsen. Mein Vater war einer der ersten, der sich nach dem Krieg ganz auf die Sportfotographie spezialisierte. Bei der Fußball Weltmeisterschaft hatte er dann mit seinen Bildern den großen Durchbruch. Und ich war schon als Kind immer dabei, habe mit fotografiert. Den Bundesligastart 1963/64 habe ich praktisch live miterlebt.

 

BDC: Bei welchen anderen Sportveranstaltungen waren Sie noch live dabei?

DB: Bei den Olympischen Spielen von 1972 bis 1992, bei fast allen Fußballweltmeisterschaften und bei der Tour de France.

 

BDC: Und was war das Beeindruckendste?

DB: Ganz klar die Tour 1977. Hans Blickendörfer hatte vom Sigloch Verlag den Auftrag, ein Buch über die Tour de France zu machen und engagierte meinen Vater und mich als Fotograf. Gott sei Dank kannte er die Kollegen von der L’Equipe und so bekamen wir eine Akkreditierung für ein Photomotorrad.

 

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BDC: Als „rasender Reporter“ braucht man ja großes Vertrauen zum Fahrer?

DB: Ja, und da bin ich auch sehr froh, dass wir unseren Fahrer und das Motorrad selbst mitbringen durften. Mein Fahrer, Jochen Stellwaag, fuhr damals Rennen. Das Vertrauen war also da. Und eigentlich blieb mir ja auch nichts anders übrig.

 

BDC: Sie waren also beide zum ersten Mal dabei. Gab es da einen Kodex?

DB: Ganz klar. Es gab sehr umfangreiche Verhaltensregeln. Leider kannten wir die nur so ungefähr. Ich weiß noch genau, dass wir die ersten Tage permanent Angst hatten, was verkehrt zu machen. Wir waren ja an den Tour Funk angekoppelt und hatten da immer Angst, einen Verweis ausgesprochen zu bekommen. Bei zwei Verweisen fliegt man raus.

 

BDC: Aber es ging alles gut?

DB: Ja, wir haben uns am ersten Tag nur hinter dem Feld aufgehalten und uns gar nicht getraut, mal nach vorne zu fahren. Da haben wir erst mal gekuckt was eigentlich abgeht. Und wenn es kritisch wurde – so zum Beispiel bei schnellen Abfahrten – haben wir uns immer rausgehalten.

 

BDC: Heute wird digital Fotografiert. Es entstehen mehrere Hundert Bilder, die direkt vom Motorrad in die Redaktionen weltweit übertragen werden. Wie war es früher?

DB: Wir haben alles im Mittelformat geschossen. Auf den normalen Rollfilmen hatten 10 Bilder, auf den überlangen 20 Bilder Platz. Und ein Filmwechsel auf dem Motorrad war praktisch nicht möglich.

 

BDC: Wie viel Bilder haben Sie dann pro Tag gemacht?

DB: Gar nicht so viele. 100 bis 150.

 

BDC: Und was haben sie fotografiert?

DB: Wir waren ja für eine Buchproduktion unterwegs. Für mich war es faszinierend, das Spektakel zu sehen. Wir konnten es uns auch leisten einen Fahrer den ganzen Tag zu begleiten und die Strapazen und Leiden zu dokumentieren. Für mich waren das alles Helden!

 

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BDC: Helden?

 

DB: Ja, die Jungs geben vom ersten Meter bzw. dem ersten Berg bis zur Ziellinie in Paris alles. Und nicht nur die Führenden, jeder einzelne. Die Tour ist für mich mit nichts zu vergleichen. Das sind wahre Profis. Da können sich manch andere Sportler, die sich auch Profi nennen mal eine Scheibe abschneiden. Fußballer zum Beispiel, die nach einer Stunde platt sind. Wir haben totale Erschöpfung gesehen, Leiden, Schmerzen und Verletzungen. Und die Jungs steigen einfach immer wieder auf´s Rad.

 

BDC: Was war der Höhepunkt der Tour 1977?

DB: Ganz klar die Auffahrt nach Alp D`Huez. Didi Thurau trug seit 15 Tagen das Gelbe Trikot, Bernard Thevenet attackierte in einer Dreiergruppe, es kam zu einem Zusammenstoß von Lucien Van Lampe mit einem Begleitfahrzeug, Kuiper gewann vor Thevent, der dann Gelb bis nach Paris verteidigte. Ich weiß noch dass da so viel Hektik drin war, dass sich mein Fahrer irgendwann weigerte weiterzufahren. Im Tour Funk wurde nur noch geschrien, die Gasse, durch die Fahrer, Motorräder und Begleitfahrzeuge mussten, war nicht breiter als zwei Meter. Es war ein unglaubliches Gedränge und Stress. Und plötzlich fuhr Jochen Stellwaag in eine Parkbucht, er konnte und wollte nicht mehr weiterfahren. Im Nachhinein witzig, damals eine Katastrophe!

 

BDC: Und Ihr Bild der Tour 1977?

DB: Bilder die in Erinnerung bleiben sind natürlich die mit Didi Thurau in Gelb. Das hat ja damals in Deutschland einen Rad Boom ausgelöst wie 20 Jahre später Jan Ulrich. Wichtig sind mir aber die Bilder, die die Faszination Tour deutlich machen: Alte Radexperten am Straßenrand oder ganze Dörfer in Aufregung. Mein persönliches Lieblingsbild entstand aber schon beim Prolog. Ein kleines Mädchen saß am Straßenrand und spielt mit einem Spatz in Ihrer Hand während die Fahrer an Ihr vorbei wischten. Ich glaub da hab ich ein paar Filme verschossen.

 

BDC: Herr Baumann, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch!

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