Der längste Tag!

Der längste Tag!

An einem Tag von München an den Gardasee

Diese Frage, „Auf was habe ich mich da eingelassen?“ beschäftigt mich erst, als ich mich und meinen müden Körper gegen 3:45Uhr aus dem Bett quäle. Natürlich sind Alpenüberquerungen schön – ein sagenhaftes Erlebnis, egal ob mit dem Ski, Mountainbike oder mit dem Rennrad. Aber über die Alpen an einem einzigen Tag? Das sind fast 400 Kilometer…

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München – Gardasee, nonstop. Bei dem Gedanken fällt mir das Nutellabrot aus der Hand und landet im Kaffee. Meine Beine werden nervös, und während ich das Brot aus der Tasse fische, überlege ich, was ich noch alles zu mir nehmen könnte, um den Energiebedarf für einen 15-Stunden- Tag zu decken. Ich krame meinen gesamten Riegelbestand zusammen und fülle Kohlenhydratpulver in meine Trinkflaschen. Keine Wette, kein Rennen, nur die üblichen Sprüche nach einer der unzähligen Runden die wir schon zusammen gefahren sind. Wir, das sind ich und fünf rennradverrückte Freunde, die seit einigen Jahren regelmäßig zusammen Rennrad fahren.

Punkt 4:45 Uhr sind dann alle im Münchner Stadtteil Lehel versammelt: Tom, Ralf, Matze, Flo und Hansi. „Jedem von uns gehört der Hintern versohlt!“, sagt einer. Mit dem Auto sind wir in guten dreieinhalb Stunden am Gardasee. Und was machen wir? Unser Treffpunkt, die italienische Bar „La Stanza“ hat heute Morgen extra für uns geöffnet, um uns den Start mit Espresso und einer leckeren Piadina zu versüßen. Mit einem herzlichen „Arrivederci“ verabschiedet uns Wirt Lorenzo um fünf Uhr in Richtung Italien. Während die glatt rasierten Beine im Laternenlicht schimmern, schützen Windstopperweste und Ärmlinge vor der kühlen Morgenluft. Die Stadt schlummert noch, als wir von der Isar weg die ersten Höhenmeter am Giesinger Berg erklimmen. Mit einem bayerischen „Jawoi“ gewinnt unser wildester Fahrer Hansi die erste Bergwertung. Einige der alten Hasen zügeln seine Motivation und mahnen zum kleinen Blatt. Es gilt, die Reserven gut einzuteilen. Zu frühes Ermüden durch zu große Gänge ist Gift für die Muskulatur, selbst wenn es nach Erreichen des Brennerpasses meist bergab geht. Die Herzfrequenz spielt bei einem solchen Vorhaben eine wichtige Rolle. Je tiefer sie konstant gehalten wird, umso mehr kann der Körper von den fast unendlichen Fettreserven zehren. Ein kleiner Zwischensprint kann an die Substanz gehen, die nur begrenzt verfügbaren Kohlenhydratspeicher entleeren und den Blutzuckerspiegel rapide absinken lassen. Im schlimmsten Fall bedeutet das das Ende, Abbruch und ab in den Zug. Um ein gleichmäßiges Tempo zu fahren und die Ermüdung auf alle gleich zu verteilen, nutzen wir das Windschattenfahren konsequent aus. So kann jeder die Führungsarbeit an der Spitze für das Kollektiv übernehmen und sich danach vor dem Wind geschützt in der Gruppe erholen.

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Bergprüfung

Langsam schiebt sich die Sonne hinter dem Alpenhautkamm hervor. Während wir durchs bayerische Oberland fahren, verstauen wir die kleinen Stirnlampen in unseren Trikottaschen. Vorbei am Kochelsee kommen wir unserem ersten größeren Hindernis immer näher: dem Kesselberg. Mit einer durchschnittlichen Steigung von acht Prozent und 450 Höhenmetern trennt er den Kochelsee vom Walchensee. Keiner von uns hat sich besonders auf dieses Event vorbereitet. Das Leistungslevel ist sehr unterschiedlich, doch wir haben eine gemeinsame Passion: Radfahren. Gemeinsam wollen wir das Ziel erreichen und dieses dann sicher mit einem kühlen Schluck Bier feiern. Am Berg bilden sich aus dem Gruppetto kleinere Grüppchen. Die Stimmung ist aber sehr gut - es wird gestichelt und gelacht und über den Trainingszustand oder die kleinere Bauchansätze des einen oder anderen gefrotzelt. „Jetzt haben wir schon die ersten 100 Kilometer“, ruft Ralf. In diesem Moment weiß ich nicht, ob ich mich freuen oder heulen soll. Die Temperatur gegen acht Uhr deutet auf einen heißen Sommertag hin. Die Höhenmeter treiben den Schweiß auf die Stirn. Immer mehr Kleidungsstücke verschwinden in den kleinen Taschen. Die Kilometer in Richtung österreichische Grenze bei Scharnitz sind sehr schnell, der Wechsel an der Spitze funktioniert tadellos und dennoch sind sich unser „Präsi“ Ralf und „Capitano“ Tom einig: „runter vom Gas“. An der Legalität vorbei, schießen wir dann der Geschwindigkeitsbegrenzung zum Trotz über den Zirler Berg hinunter ins Inntal. Die 16 Prozent Gefälle vergehen wie im freien Fall. Unten angekommen werden Spitzengeschwindigkeiten bis über 90 km/h auf den Tachos ausgewertet.

Bella Italia – der Grenze entgegen Geplagt von den Autos rund um Innsbruck erreichen wir die alte Brennerstraße. Die Sonne steht nun fast senkrecht – und die Temperatur bei 30 Grad. Bis nach Italien müssen noch immer 43 Kilometer und 800 Höhenmeter zurückgelegt werden. Nur gut, dass die exakten Daten in jenem Moment keiner von uns realisiert. Aktiv arbeitet die Gruppe daran, dass jeder Spaß hat. Manche lassen sich zurückfallen, manche fahren dann gar ein Stück zurück, um andere zu motivieren. In Steinach überfallen wir einen Supermarkt, decken uns mit Getränken ein und erfrischen uns an einem Brunnen im Schatten. Jetzt schon saure Gurken und Würstl? Neben Powerriegeln eine gelungene Abwechslung für den Gaumen. Doch leider drängt der Zeitplan. Nach 170 Kilometern haben wir den höchsten Punkt erreicht. „Bella Italia, wir kommen!“ Mit diesem Ausruf legt auch das Thermometer noch mal einen drauf. Knapp 38 Grad heizen schön auf. Nur der Helm schützt den Kopf vor einem Sonnenstich. Um unseren schon leicht angeschlagenen Körpern eine Pause zu gönnen, setzten wir uns in Sterzing in ein Restaurant und legen erst mal die Füße hoch. Beim Warten auf das Essen fallen einigen schon die Augen zu, während andere sich auf die langen Beine der Südtirolerinnen konzentrieren. Die Pasta zum Mittagessen liegt zwar schwer im Magen, doch bei solch einer Etappe spricht nichts gegen eine vernünftige Mahlzeit. Zum einen peppt es natürlich den eher eintönigen Riegel- Speiseplan auf, zum anderen erreicht der Körper durch die konstante Belastung keine Belastungsspitzen, die zu übermäßigen Problemen mit der Verwertung führen würden. Bis die Energie im Muskel ankommt, vergehen zwar fast drei Stunden – aber wir haben ja auch noch gute sechs Stunden vor uns. Ich strauchle beim Aufstehen ein wenig, weil mein Kreislauf ganz unten ist; auch beim Rest des Gruppettos ist die Belastung spürbar. Einen unserer Mannschaft müssen wir vom stillen Örtchen evakuieren – „der war doch tatsächlich eingeschlafen“, erzählt Matze. Doch nach seinem kurzen „Powernap“ ist auch Tom wieder bereit für die Fahrt durchs Etschtal.

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Coca Cola Intravenös

Die vielen Wellen und Rampen ermüden auf dem Weg nach Bozen. Das ist kaum vorstellbar, wenn man gemütlich im Auto auf der Brennerautobahn nach Süden fährt. Von nun an arbeitet sich der Kopf in kleinen Zielen voran. Brixen - Bozen – Trento – Mori … das bedeutet nochmal die Arschbacken zusammenkneifen. Auch ich bin bei diesem Gedanken kurz eingenickt, und wir stoppen kurz an einem Kiosk am Etschtal-Radwanderweg. Matze würde sich die Cola am liebsten intravenös verabreichen lassen, Tom nagt an einer Currywurst, die wir ihm zur Motivation unter die Nase gelegt haben. Präsident Ralf scheucht uns mit dem Finger auf die Uhr deutend, wieder auf die Räder, und dann macht Flo ernst. Er gehört zu den starken Fahrern, die sich nun länger vorne im Wind aufhalten, um die anderen zu schonen. Die Strategie geht auf, und nach einer Tiefphase machen wir endlich wieder durchgehende Strecken. Die Beine des Gruppettos halten sich erstaunlich gut, jedoch führt das Cola-Müsliriegel-Bananen- Chips-Red Bull-Gemisch im Magen bei vielen zu leichter Übelkeit. Die chaotische Verkehrsführung bei Trento bringt wie immer Verwirrung. Nach einem kurzen Abstecher auf die Autobahn finden wir Gott sei Dank den Etschtal Radweg und lassen die Prinzhauptstadt hinter uns.

Hinter Mori, vorbei an Rovereto nimmt der Verkehr deutlich ab. Vorne an der Spitze, das sichere Ziel vor Augen, kämpfen zwei Fahrer sogar um den Ortsschildsprint. Kopfschütteln in den hinteren Reihen. Aber so sind sie eben, die „jungen Wilden“. Längst haben wir die 300-Kilometer-Marke passiert. Die Stimmung ist euphorisch, der Lago nun zum Greifen nah. Seit längerem fahren wir nun auch wieder Doppelreihe und sprechen mit dem Nebenmann die Speisekarte durch. Auch der mobile Hähnchenstand in Loppio, sonst immer einen kurzen Halt wert, kann uns nicht mehr stoppen. Ein letztes Mal geht es den Berg hinauf nach Nago. Schmerzen in den Beinen verspürt keiner mehr. Das Kribbeln geht durch den ganzen Körper und pusht uns nochmal ganz nach oben. Und dann…. Der Blick auf den See entschädigt für alle Qualen. Gemeinsam, Seite an Seite, rollen wir auf die Terrasse eines Restaurants. Goldgelb stehen nach wenigen Minuten sechs Bier vor uns, und wir stoßen auf die Gemeinschaftsleistung an, die uns hierher gebracht hat. Geschafft! Jeder Einzelne ist mitverantwortlich für das Gelingen dieses Projekts. Um uns herum schütteln die Leute nur unverständlich den Kopf. Wie leicht wird uns allen die Zunge, als jemand fragt: „Seid ihr auch einen Transalp gefahren? Und von wo kommt ihr denn heute her?“ „Aus München!“ antworten wir unisono. Fotos: Roland Grill

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