ÖTZTAL

ÖTZTAL

Tiefe Gefühle

Ein Bericht über den Öztaler Radmarathon

Es ist Oktober 2011. Ich fahre in Skiklamotten sehr früh morgens zum FIS Worldcup Opening nach Österreich. Nach ca. 2 Stunden Fahrt passiere ich das Ortsschild des Austragungsortes Sölden. Ich bekomme sofort Gänsehaut! Und eine Welle an großen Emotionen und schönen Erinnerungen trifft mich. Das letzte Mal, als ich an dem weiß blauen Schild vorbeigefahren bin, war es auf dem Rennrad, die Geschwindigkeit war etwa so wie jetzt im Auto, die zurückgelegten Kilometer auch fast gleich. Nur davor standen nicht gute 200km langweilige Autofahrt, zumeist – dank IGL - mit knapp über 100 km/h, sondern 235 km auf dem Rad.

Ich rolle durch Sölden, alles ist auf Skifahren ausgerichtet, die Banner der Hersteller und die Autos der Offiziellen prägen das Bild. Doch ich bin in Gedanken immer noch weit weg, im August. Da waren die Fahnen - die der Radhersteller - die Straße war voll mit ausgemergelten, zumindest bis zum Trikot und Hosenansatz braungebrannten, leichtgewichtigen Italienern und deren Familien. Es waren nicht die Völkl und Salomon Autos, sondern das bekannte gelbe Mavic Auto und die silbernen Busse von Specialized. Ich überlege, wie oft ich seit der Zieldurchfahrt vom „Ötztaler“ erzählt hab, wie oft ich dabei, genau wie jetzt, Gänsehaut bekommen hab und wie oft es a bisserl feucht in den Augen wurde. Tränen bei Männern? Ja! Denn neben den 235km und 5500 Höhenmeter ist diese Runde vor allem eins: Die emotionalste Runde, die ich je gefahren bin. Als ich auf die Gletscherstraße einbiege, und gleichzeitig von Automatik in den Sport-Schaltmodus umschalte, muß ich schmunzeln. Es ist genau ein Jahr her, dass mich Guido hier in Sölden, abends auf einer Party gefragt hat, ob ich mit ihm beim Ötztaler starten will. Ich hab natürlich, schließlich war der Abend schon etwas fortgeschritten, „Ja“ gesagt. Und natürlich wurde aus der Zusage im Laufe des weiteren Abends ein „ Guido, mach Dich auf eine Niederlage gefasst“ und noch sehr viel später ein „Ich nehm Dir 2 Stunden“. Es war ein klassischer Abend unter „Sportlern“ , Themen von Skifahren, die Fitness der einzelnen Sportler, Radrunden, Beine rasieren wurden besprochen und mit reichlich Sticheleien unterlegt, die am nächsten Tag – genauso wie die spontane Zusage und die forschen Ansagen – vergessen waren. Im März kam dann jedoch eine Mail von Nicol Klotz vom Tourismusverband Ötztal/Sölden, Betreff „Ihr Startplatz beim Ötztaler Radmarathon“. Tja, Guido hatte wirklich Ernst gemacht und es irgendwie geschafft, Startplätze zu organisieren. Ich machte mir kurz Gedanken über meine Rad-Fitness: Radkilometer 2011: 0, zu viel auf den Rippen: 5kg, Zeit für ein Trainingslager oder eine richtige Vorbereitung: keine. Aber irgendwie muß es gehen. Und zwar zwei Stunden schneller als der Kollege! Als ich Ende August mit dem Auto am Ortsschild Sölden vorbei fahre – das letzte Mal ohne Gänsehaut – ist mir schon etwas mulmig. Es war viel zu arbeiten im Sommer, wenig Zeit für´s Radfahren, nur zwei Runden über 200 km, und kein „Pässefahren“. Beim Fahren hatte ich die Gewichtsreduzierung nur zum Teil geschafft. Da war es nur folgerichtig – um das Systemgewicht zu drücken – beim Rad noch was zu machen. Die Leightweights, die ich mir für das Rennen geliehen hatte, waren nicht nur leicht und schnell, sondern sahen auch noch richtig professionell aus und verfehlten bei meinem Kontrahenten nicht Ihre Wirkung. Ein erster Erfolg!

In Sölden selbst ist das Ötztaler Wochenende mit dem beim Worldcup Opening zu vergleichen. Der Ort ist voll bis zum letzten Bett, es liegt eine ganz eigene, gespannte Stimmung über allem. Der große Unterscheid ist jedoch: Beim Skirennen im Oktober starten 80 professionelle Rennläufer, beim Radmarathon 4.500 Starter. Die Leute sind zum Mitfahren angereist, nicht zum Zuschauen oder anfeuern. Jeder Teilnehmer ist euphorisiert, angespannt und erledigt mit Emsigkeit die letzten Besorgungen. Ein Bag für´s Oberrohr für die Gels wird noch gekauft, Kompressionsunterwäsche getestet und in allen Garagen wird noch mal die Schaltung überprüft. Auf der Straße oder vor den Ständen der Aussteller reicht ein „Und?“ um ins Gespräch zu kommen, um Kilometerleistung, Vorbereitung und Übersetzung zu erfahren. Beim Abendessen – natürlich Pasta – kann man Geschichten zu jedem der 235.000 Meter hören, zu jeder „anspruchsvollen Kurve“ und natürlich zum „Schafrichter“, dem Timmelsjoch. Ich versuche locker zu bleiben und hoffe auf das Wetter. Meine Parole steht: Bei Regen fahre ich keinen Meter! Und wenn ich so aus der Hotellobby nach draußen schaue, kann ich morgen wohl doch ausschlafen: Schneeregen bei 2 Grad!

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Am Samstagabend treffe ich Frank Wörndl, der auch wegen einer Wette im Winter und, genau wie bei mir, wegen der großen Klappe morgen an den Start muß. Er sitzt mit Jan Ullrich am Tisch, seinem Edelhelfer. Eine gute Gelegenheit, mal mit einem richtigen Radstar zu quatschen. Ich setzte mich und eröffne das Gespräch: „Und?“ Beide erzählen von Ihrer „Streckenbesichtigung“ von vor 6 Wochen, Hungerrast bei Jan, Krämpfe bei Frank. Danach hat Jan noch mal richtig trainiert – 6 Wochen, 6000km, 7 kg weg. Er fühle sich gut und freue sich auf das Rennen. Früher, erzählt er, habe er nichts von all dem Flair mitbekommen, war abgeschirmt im Teamhotel, im Teambus und Startblock. Dann sieben Stunden treten und wieder zurück in die Abgeschiedenheit des Teams. Hier erlebe er zum ersten Mal seit langen „Rennfieber“ und er findet es großartig. Seine Augen sprechen Bände! Ich verabschiede mich von den beiden und geh noch mal vors Hotel um das Wetter zu checken: Es hat aufgehört zu regnen, die Sterne funkeln. O.K. D-Day!!! Der Wecker klingelt um 4:45. Ich steh auf, zieh die Radklamotten an und geh zum Frühstück. Nudeln in drei Variationen? Um 5:00 Uhr? Ich greife zum Müsli und starkem österreichischen Kaffee. Danach zurück ins Zimmer, Ärmlinge, Knielinge, Weste, die Trikottaschen voll mit Gel, Reifen nachgepumpt, die Ratschen der Schuhe klicken. Es kann losgehen! Im Startblock das übliche Treiben. Blöde Sprüche, das letzte mal Pinkeln gehen, warten und frieren. Es ist 5:45 und hat 2 Grad. Wir rollen durch Sölden, neutralisiert. Kurz hinter dem Ortschild gibt Ernst Lorenzi das Rennen frei. Die Geschwindigkeit steigt, im Peleton rollen wir mit über 50 km/ die ersten 30 Kilometer bergab Richtung Ötz. Es ist sau kalt. 35min nach dem Start sind wir am Kreisverkehr in Ötz, rechts abbiegen und es geht das erste Mal bergauf. Rauf zum Kühtai, 15,5 km. Ich versuche nicht zu schnell nach oben zu schalten und meinen Rhythmus zu finden. Den Tacho hab ich so eingestellt, dass ich nur Geschwindigkeit, Kilometer und Höhenmeter angezeigt bekomme. Am Lenker klebt die Marschroute: Kühtai rein, raus, Brenner rein, raus, Jaufen rein, raus und Timmelsjoch.

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Auf der ersten Steigung rollt´s, schnell ist die 18% Rampe gemeistert und der Sound des Red Bull Soundcar, das oben am Paß steht ist zu hören. An der ersten Labe gibt es die berühmten Ötztaler Kugeln, Flaschen aufgefüllt, einen Schluck Suppe, Reißverschluss zu und ab nach Innsbruck. Im Inntal folgt das einzig flache Stück der Runde. Mir fallen die Worte von XY wieder ein: Du musst beim Ötztaler nur 100 km bergauf fahren, der Rest ist bergab. Es geht vorbei an der Berg Isel Schanze und rauf zum Brenner. Auf dem Papier der einfachste der vier Berge, vor dem mich aber jeder gewarnt hat. ‚Ja nicht zu schnell‘ denk ich mir und suche eine gute Gruppe. Wir wechseln gut durch, es ist warm, die Sonne strahlt und ich wunder mich die ganze Auffahrt über die Dame im Lang/langen schwarzen X-Bionic Outfit. Es ist ruhig in unserer Gruppe, ich sehe Finishertrikots aller großen Radversantaltungen und sehr unterschiedliche Typen. Auch am zweiten Passo, kurz nach der Landesgrenze, steige ich an der Labe nicht vom Rad. Essen, Trinken, Flaschen auffüllen, noch ein Riegel und eine Banane und weiter geht´s – nur nicht den guten Tritt verlieren. Schon bald rollen wir durch Sterzing, biegen wieder rechts ab und fahren auf den Jaufenpaß zu. 18km, 1300 Höhenmeter. Ewig geht es durch den Wald, durch kleine italienische Orte und an Hotels vorbei. Eine Kurve, noch ein Kurve, Wald, Gerade, Ort, Kurve. Es zieht sich. Ich bin schon lang wieder im 1. Gang und trete rechts, links, rechts, links. Der Blick und die Gedanken schweifen. Noch 8 km, noch 7, noch 6, noch 5, die Baumgrenze ist erreicht und die nächste Labe schon in Sichtweite. Ich stell das Rad das erste Mal ab, nehm mir etwas Zeit, esse Suppe mit viel Salz, Riegel, Bananen und ein paar Scheiben Orange. Wieder in den Sattel und die restlich Höhenmeter bis zum Paß gekurbelt. Die Abfahrt hat es auch in Sich, schnell, kurvig und teilweise ist die Straße in sehr schlechtem Zustand und ich bin keine guter Abfahrer. Ich versuch zu beherzigen, was mir die Jungs von Carbon Sport über das Bremsen mit Carbonlaufrädern gesagt haben: Keine Schleifbremsungen, kurz und hart.

St. Leonhardt ist erreicht. Wieder geht es rechts. Der Anstieg zum Timmelsjoch beginnt eigentlich direkt in der Ortschaft, keine Meter gerade, runter vom Jaufen, rauf auf´s Timelsjoch. Scheiße, nach 1 km ist schon wieder der erste Gang drin. 29 km to go. Ich rechne: 30 km, bei 13 km/h im Schnitt macht 2 Stunden 20 Minuten. Nur bergauf. Eigentlich rechne ich die ganze Zeit: Höhenmeter? nächste Labe in wieviel km? Paßhöhe? Und wann? Rechnen, treten, nachdenken. Ich hab Zeit, keine Entscheidung für die nächsten 2 Stunden, nur rechts, links, rechts links. Die Gedanken fangen an zu kreisen. Ich denke an meine Frau und unseren Sohn, an Italien und unsere Hochzeit hier, das erste Mal bekomme ich feuchte Augen. Links, rechts, links, rechts, noch 16km, ca. 1:20 Stunden. Die vorletzte Labe ist erreicht. Danach geht es – Gott sei Dank ein Stück „gerade“, die Geschwindigkeit steigt, die Kilometer schwinden. Ich komm aus dem Wald und sehe was noch vor mir liegt.

Autsch. Das wird hart. Rechts, links, rechts, links. Die Aussicht ist phänomenal, in jeder kurve Hängen die Finishertrikots der letzten Jahre. Es hat im Schnitt 10% Steigung. Noch 5 km. Es wird richtig hart, 100 Tritte im Sitzen, 50 im Stehen. 100 im Sitzen, 50 im Stehen. Noch 4.5 km. Ich fahre alle Kurven ganz außen, um wenigsten da mal etwas Druck rausnehmen zu können.

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Rechts, links, rechts, links. ‚Was ist das da eigentlich für ein Gletscher?‘ ‚ wann hab ich meine Frau das letzte Mal gesagt, dass ich Sie liebe?‘ ‚ wie weit ist es noch?‘ – rechts, links, rechts, links - ‚ich muß Tom unbedingt mal wieder anrufen und mich bei Hansi für den blöden Spruch vorletzte Woche entschuldigen‘ – rechts, links, rechts, links. Noch 3 km. Fast geschafft. Euphorie kommt hoch. Die Augen werden feucht. Ist das hart, ist das schön. Die letzte Kehre, die Tunnel, das Schild „Passo Timmelsjoch“, wieder Sound. Was für ein Gefühl. Weste raus, Ärmlinge hoch und ab geht’s. Die Abfahrt ist ein wahrer Genuss. O.k. den Zwischenanstieg zur Mautstelle kurz vor Hochgurgel braucht kein Mensch, aber jetzt ist‘s auch schon wurscht. Obergurgl, Zwischenwasser, eine kleine Steigung noch, die ich „auf dem Blatt“ wegdrücke, zwei Kurven, der Wertstoffhof und da steht es: weiß blau. DAS Ortsschild. Mein Ortsschild. Sölden! Gletscherstraße, M-Preis. Giggijochbahn, die Dorfstraße nimmt kein Ende. Rechts ab, über die Brücke und über den Zielstrich. Das erste Mal schaue ich auf die Zeit und bin zufrieden. Genau in dem Bereich, den ich mir ungefähr ausgerechnet hatte. Ich suche die Zuschauer ab und sehe meine Frau. Schön Dich zu sehen, schön dass Du da bist, schön, dass ich Dich habe! Ich hab Dir viel zu sagen!

Im Ziel, auf dem Weg zum Hotel und im Hotel wird jedem, der in Radklamotten mit der Startnummer drauf unterwegs ist, gratuliert. Und natürlich kommt die obligatorische Frage: „Und?“

Wir setzten uns an einen Tisch, ich bestell ein großes Radler und erzähle: Schön, unglaublich schön. Ich hatte selten so schöne Momente auf dem Rad. Ich war selten so frei im Kopf, man vergisst alles und erinnert sich an vieles. Es hat was Meditatives. Es ist hart, sehr hart, aber schön. Wir müssen etwas warten bis Guido kommt. Als er auch auftaucht umarmen wir uns. Geil! Beide haben wir´s geschafft, was für eine Runde, was für ein Tag, jeder sprudelt, keiner spricht von Zeiten.

‚Was für ein Tag! was für eine Leistung! was für Gefühle!‘ denke ich, als ich auf den Parkplatz am Gletscherrestaurant in Sölden fahre. Und ich hab immer noch Gänsehaut und auch a bisserl feuchte Augen.

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