L’EROICA

L’EROICA

Back in Time – in Siena ist die Zeit stehengebleiben und das ist gut so. Ein Bericht über das geschmackvollste Radrennen der Welt

„Meine Finger werden endlich warm“ – „Meine auch, aber Du musst nicht flüstern“ – „Ja - aber sonst geht die Stimmung kaputt“. Wir sind in der Rampe zum Castello di Broglio, etwa 10 Kilometer nach dem Start in Gaiole. Die Rampe ist von unten bis oben mit kleinen Ölfackeln links und rechts des Weges erleuchtet. Im Wald unter der Burg wäre es sonst stockfinster. Man hört nur noch das Schnurren der Ketten auf den Ritzeln und in den Rollen der Schaltwerke antiker Räder. Fast schon andächtig nimmt jeder Heroe die faszinierende Stimmung in sich auf. Wir sind vor knapp einer halben Stunde noch im Morgengrauen gestartet und das Tal auf der Strasse hoch gerollt. Es hat nur etwa 8 Grad und wir sind froh, dass es uns in der Rampe zum ersten Mal richtig warm wird. Am Nachmittag werden wir dann bei über 30 Grad noch ordentlich ins schwitzen kommen. Fast genau 4000 Teilnehmer hat es dieses Jahr ins Chianti, das Herz der Toskana gezogen. Die L’Eroica begeistert seit 1997 immer mehr Rennradenthusiasten und nicht wenige bezeichnen sie als die schönste Radsportveranstaltung der Welt. Kein Wunder! Landschaften wie aus einem Bildband, Verpflegung wie ein Antipasti Buffet und Räder, die man eigentlich gar nicht fahren möchte, sondern ehrfürchtig an die Wand hängen müsste. Seit einigen Jahren darf man nämlich nur noch auf einem alten Rennrad ohne Rastschaltung, Klickpedalen und am Lenker verlegten Bremszügen teilnehmen. Vier Strecken stehen zur Auswahl: 205 Km, 135 Km, 80 Km oder 45 Km – jeweils über die Hälfte davon auf Schotter und mit ordentlich Höhenmeter. So summieren sich zum Beispiel auf der 135 Km Runde, die wir in Angriff nehmen, die unzähligen Hügel auf am Ende fast 2300 Hm.

Schon nach wenigen Kilometern fühlt man sich um dreißig, vierzig Jahre zurückversetzt. So mancher fährt auf einem Rad, das deutlich älter ist als der Fahrer selbst. Carbon oder Alu? Nein Danke! Brems/Schalthebel? Wozu? Funktionsbekleidung? Nicht stylish! Hier regieren filigrane Stahlrahmen, matt-silberne Campagnolo Komponenten auf denen „Nuovo Gran Sport“ steht, Wolltrikots in denen im Lauf des Tages der Staub der Strade Bianchi besonders gut hängen bleibt und Pedale mit Haken und Riemen. Wie vor 30 Jahren werden Alfredo Binda Riemen bestaunt, als wären sie die neueste Errungenschaft der Pedaltechnologie.

Spätestens nach 30 Kilometern, davon schon fast 15 auf Schotter, sind wir aber froh über den Komfort der alten Stahlrenner. Unbewusst trotzen wir der Gewichts-/Steifigkeits Hysterie und ein paar Kilometer später fragen wir uns ernsthaft, wozu wir diese eigentlich brauchen. Längst haben wir uns daran gewöhnt dass wir nur vier oder fünf Ritzel haben, jeden Gang suchen müssen und die Räder mehr wiegen als ein Mittelklasse Mountain Bike. Wir genießen. Jeden Schotterstein, jeden Kilometer und das Aufgehen der Sonne in der Abfahrt vom Castello. Zum ersten Mal können wir in die weite Hügellandschaft des Chianti sehen über die die Sonne jetzt klettert und alles in unglaubliches Licht taucht. Gleichzeitig fordert die erste Schotterabfahrt aber auch die ganze Konzentration. Teilweise geht es über 15% bergab und manch einer wünscht sich jetzt auf einem Mountain Bike zu sitzen. Schnell erkennt man die alten Rennfahrer: Laufen lassen, Hände locker am Lenker und wenig bremsen. Nach ein paar Kilometern kommen wir wieder auf Asphalt und ein „Oooh“ geht durch unsere Gruppe. Die Strade Bianche machen unglaublich viel Spaß.

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Inzwischen gibt es die L’Eroica auch als Profi Rennen. Anfangs noch am Samstag vor der Jedermann Veranstaltung hat man es vor einigen Jahren ins Frühjahr vorverlegt. Damit ist die Eroica die einzige Jedermann Veranstaltung, die zum UCI Rennen wurde. Sonst ist es umgekehrt. Und auch beim Giro wird seit einigen Jahren eine Etappe auf Teilen der Strecke gefahren. Ins Leben gerufen wurde die Eroica Ende der 90er, weil immer mehr der Strade Bianche, die weißen Schotterstrassen des Chianti, zugeteert wurden. Sie sind Teil der Kulturlandschaft, manchmal schon von den Römern angelegt und damit wichtig für den Charakter des Herzens der Toskana. Wir bekommen mit jedem gefahrenen Kilometer mehr und mehr Respekt vor den Rennfahrern aus der Generation eines Gino Bartali oder Fausto Coppi. Zu ihrer Zeit waren die meisten Alpenpässe noch nicht geteert und wir dürfen schnuppern daran, wie sie sich geschunden haben über einen Tourmalet auf Schotter. Mit Übersetzungen, so hart, dass ein Fahrradhändler heute sie erst bestellen müsste. Mit Bremsen, gegen die eine moderne Rennradbremse ein Anker ist. Tretlager- und Lenkkopfsteifigkeit hat sie nicht sonderlich interessiert und wenn der Rahmen ab 60 Stundenkilometern zu flattern begann, hat man eben das Knie ans Oberrohr gedrückt.

Die L’Eroica schubst uns zurück in ihre Zeit und lehrt uns Demut. Aber gleichzeitig sind wir dankbar hier zu sein. Wir fahren zwischen alten Italienern, deren Beine so aussehen wie unsere, als wir noch aktiv waren. Ihre Arme und Beine sind sonnenverbrannt und wenn das Trikot ein wenig hochrutscht, sind sie darunter so weiß wie ein Profi. Und das mit fast 80 Jahren! Gott sei Dank ist das hier kein Rennen. Sie reden lächelnd auf uns ein und erzählen, während wir an der nächsten Schotterrampe schon aus dem letzten Loch pfeifen. Wir sind Teil der großen Rennradfamilie, ganz selbstverständlich und ohne abschätzende Seitenblicke. Sonst guckt man zuerst auf den Rahmen, dann auf die Beine und dann ins Gesicht, schätzt ab, wie jemand auf dem Rad sitzt und was er wohl drauf hat. Hier ernten unsere Räder auch neugierige Blicke, aber unsere alten Masis und Alans werden mit einem „Bella Machina“ geehrt und plötzlich klopft uns ein Wildfremder auf die Schulter und ruft uns auf italienisch zu wie schön der Tag, die Eroica, der Radsport und damit das Leben ist. Wie recht er damit hat. Die Eroica führt uns zurück an die Ursprünge des Rennradsports und lässt uns unseren Sport in einem ganz neuen Licht sehen. Uns geht es nicht mehr nur um Herzfrequenz, Pedaldruck und Durchschnittsgeschwindigkeit. Wir fahren nicht einfach durch die Toskana, sondern tauchen ein in die unglaubliche Landschaft.

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Plötzlich verstehen wir, warum das Essen hier rustikaler ist als woanders in Italien und warum die San Giovese Traube aus der der Chianti gekeltert wird, dem Wein seine unvergleichliche Rauheit verleiht. In allem spiegelt sich der Charakter des Chianti wider. Aber gleich reißt uns die nächste Schotterrampe aus unseren Gedanken und die Unterhaltungen machen schwerem Atem Platz. 17% auf Schotter mit einem Schlauchreifen und 42 – 24 als kleinste Übersetzung. Die Trittfrequenz ähnelt mehr dem Stampfen einer Dampflok als einem runden Tritt. Gott sei Dank wartet oben in Radi die erste Verpflegungsstelle – und damit für jeden Neuling die nächste Überraschung. Das einzige, was man wie bei anderen Radsportveranstaltungen findet, sind Wasser und Bananenstücke. Ansonsten gibt es Salami auf Ciabatta statt Energieriegel, Rotwein statt Isodrink. Und außerdem noch Prosciutto Crudo, Soppressata, Bergkäse, Bergkäse mit Honig, Ciabatta mit Rotwein getränkt, Cantuccini, ein Mandelgebäck, verschiedene Kuchen und Panforte die Siena. Bei der nächsten Station in Asciano serviert man uns sogar noch eine Ribollita, einen toskanischen Gemüseeintopf. Aus einem Kupferkessel über offenem Feuer geschöpft in Terrakottaschüsseln und mit uraltem Besteck, das wir in die Hand gedrückt bekommen. „Aspetti!“ ruft mir die Köchin in den alten Klamotten zu und gießt mir noch ein paar Esslöffel Olivenöl darüber. „Uova – Uova“ schreit jemand, der sich durch die verstaubten Ciclisti drängt. Er verteilt rohe Eier – Eiweißnachschub wie vor 50 Jahren. Beim Wein müssen wir uns zurückhalten. Schließlich haben wir noch mehr als 50 Kilometer vor uns. Aber zwei, drei kleine Gläser – Gläser, nicht Plastikbecher - dürfen es schon sein. Lieber Gott wie kann ich heute noch soviel fahren, wie ich hier essen möchte?

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Nach einer Stunde und gefühlten 3000 Kalorien reißen wir uns los und schwingen uns wieder auf unsere Räder. Wieder schinden wir uns steile Schotterrampen hoch, nur um uns ansatzlos in eine Abfahrt zu stürzen, die schon auf Asphalt eine Menge Konzentration erfordert. Normalerweise würden wir auf einem Rennrad nicht einmal darüber nachdenken dort zu fahren. Die nächsten 10 Kilometer sind der Scharfrichter der Eroica. Immer mehr müssen den steilen Anstiegen Tribut zollen und schieben. „Bravi – Bravi“ Rufe begleiten die paar, die es schaffen die Rampen im Sattel durch zu drücken. Zur Belohnung gönnen wir uns im nächsten Dorf einen doppelten Espresso und rufen diesmal den anderen im Vorbeifahren anerkennend unser „Bravi“ zu. Noch einmal müssen wir hoch zum Castello di Broglio, diesmal von der anderen Seite, und kämpfen um die Ehre, die ganze Strecke ohne abzusteigen geschafft zu haben. Die letzten Kilometer bis Gaiole reihen sich die schon etwas müderen hinten ein und wir rollen mit einem dicken Grinsen ins Ziel. Als Trophäe bekommen wir kein Finisher T-Shirt sondern eine Flache feinsten Chianti in einer speziellen Eroica Flasche und ein Panforte di Siena. Die Eroica ist ganz sicher eine Sportveranstaltung, bei der man zwar den ganzen Tag im Sattel sitzt, sich schindet, Schweißränder am Trikot hat, der ein oder andere auch ein blutiges Knie – aber mehr Kalorien verbrennen als zuführen kann man hier nicht.

Morgen wird es mir unendlich schwer fallen, mein Rad zu putzen und damit den Staub abzuwischen, der sich fein über alles gelegt hat und dafür sorgt, dass die Räder allesamt einen Pastellton bekommen haben. Und der davon zeugt, wie man sich auf über 70 der 135 Kilometer auf Schotter geschunden hat und der stets an den schönsten Tag auf dem Rad erinnert. Vielleicht trink ich auch ein Glas Wein und lass das Putzen.

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