Last Man Standing

Last Man Standing

24h Parkgaragen Race

Rennbericht von Lisi Hager

Das Leben ist eine Kehre, eine Rampe, ein weißer Strich. Das Leben ist schmerzhaft. Das Leben ist schön. 24 Stunden per Singlespeed durch ein Wiener Parkhaus.

Frage: Was braucht's, um ein Grüppchen cyclophiler Menschen mehr oder weniger glücklich zu machen? Antwort: Ein auf das Wesentliche reduziertes Fahrrad, eine gute Strecke, 24 Stunden und sonst nichts. Alles andere ergibt sich von selbst. Alles andere kommt mit der Zeit: Der richtige Bremspunkt, die perfekte Kurvenlage, die unumstrittene Ideallinie, der absolute Flow. Die Verdauungsstörungen, die Blutblasen, der wunde Hintern, der Schmerz. Die Erschöpfung, der Ehrgeiz, der Galgenhumor, der Spaß.

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Aus dieser Überzeugung heraus hatte sich Armin Samadian nach dem Last Man Standing 2010 auf die Suche nach einer neuen Location für sein 24-Stunden-Rennen für Singlespeeder gemacht. Vom Grassroots-Event auf der Wiener Donauinsel zum kultverdächtigen Shootout auf dem Gelände eines Fertighaus-Zentrums im Süden der Bundeshauptstadt avanciert, sollte einmal mehr der Veranstaltungsort den besonderen Kick für sein – an Besonderheiten ohnehin reiches – Rennformat liefern.
Ein volles Jahr sollte es dauern, bis der junge Wiener im Stadtteil Neu Marx fündig wurde. Und weitere Wochen verstrichen, bis aus den vielen, unmöglichen Terminen der Möglichste gefunden war. Dann allerdings stand fest: Von 23. bis 24. Juni steigt in einem erst kürzlich eröffneten Parkhaus das Last Man Standing 2012.

„Die Strecke ist rund 1,2 Kilometer lang und führt über alle vier Etagen der Hochgarage. Sie ist aufgrund der Höhenmeter sowie zahlreicher Kurven und Rhythmuswechsel sehr fordernd“, verkündete der Rennveranstalter. Und: „Wer die meisten Runden absolviert, gewinnt.“

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Also traten sie schließlich an zum Kampf gegen die Uhr, die dreistöckige Rampe und den inneren Schweinehund: sechs 24H-Soloracer und vier 24H-Zweierteams sowie elf 12H-EinzelfahrerInnen. Aus den westlichsten Ecken Deutschlands, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, kamen sie angereist. Die Sella Ronda ließen sie sausen, den sicheren Sieg beim X-Trim Triathlon riskierten sie. Ihr letztes Geld investierten sie in scheibengroße Ritzel und Sprudel für Körper und Wohnmobil. Und einer mutierte sogar kurz entschlossen vom seit frühmorgens wachen Helfer zum spontan Aktiven beim mitternächtlichen 12H-Solobewerb. Warum sie sich das antun wollten? „Es war so eine Art Aussetzer, Black-out. Mein Verstand war für einen Moment tot“, erklärte Martin Donat, Chefredakteur der Spoke Magazins, wie es zu seiner Anmeldung für diese Tortur auf zwei Rädern kam. Der Mann aus dem Ruhrpott ist zuvor noch nie weiter als 160 Kilometer am Stück gefahren und musste seinen ultraleichten Carbon-Renner erst mittels PE-Rohr aus der Sanitärabteilung eines Baumarkts zum regelkonformen Eingang-Rad umfunktionieren.

Ganz anders die Geschwister Illner. Sven und Sabine sind routinierte Singlespeeder und 24Hours-Racer. Für eine gute Sause ist das Mixed-Team aus der Nähe von Mannheim gerne bereit, die Nacht durchzufahren. Der Ehrgeiz, dasselbe sodann auch am Zweirad zu tun, ist dafür enden wollend. „Ne ne, das soll ja auch Spaß machen“, pochte das Duo schon Stunden vor dem Start auf eine Mütze Schönheitsschlaf.

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24 Hours to go
Und so war es denn eher eine Gruppe Gleichgesinnter als geifernder Konkurrenten, die sich um 12:30 Uhr zum ersten Start dieses sportlichen Stelldicheins begaben. Ein wenig gespannte Nervosität ob der Dinge, die kommen würden, war zu spüren. Hauptsächlich aber rannte unter den Radhelmen hervor der Schmäh. Mit dem „Drei, zwo, eins, los!“ des Moderators war aber vorerst Schluss mit lustig. Und das nicht unbedingt, weil einige der zehn Heroen glaubten, den entscheidenden Vorsprung für die nächsten 24 Stunden binnen der ersten Sekunden im Le-Mans-Modus herausholen zu können. In der Nacht und auch noch am Vormittag hatte es geregnet. Der ohnehin rutschige Boden des nagelneuen Parkhauses war an mehreren Stellen nass. Es dauerte nicht lange bis zum ersten Sturz. Runde drei, zwei Fahrer unmittelbar nebeneinander in der schneckenförmigen Abfahrt aus dem obersten Stock. Einen Tick zu lang an der Bremse, und schon zog es dem Inneren das Vorderrad weg. Runde fünf, diesmal erwischte es Martin Donat. Seitwärtssalto statt Schwung für die Auffahrt. Das Leben ist hart.

Mit der Zeit gewöhnten sich die Fahrer an die Strecke und ihre Tücken, optimieren ihre Linien, perfektionieren ihren Speed. Stets begleitet von den weißen Bodenmarkierungen ging es durch die vier Stockwerke des Betonbaus. Einmal, zweimal, vielmal. Parkbuchten huschten vorbei, Tragsäulen flitzten vorüber. Einzige Abwechslung: die verschiedenen Farben der einzelnen Etagen. Grau wie der Asphalt war das Erdgeschoss. Es stand für Durchschnaufen, Essen fassen, Neustarten; unweigerlich kündete es aber auch von der nahenden steilen Rampe bis hinauf in den dritten Stock. Gelb erinnerte an die Sonne. Es bedeutete „Endlich oben!“ nach harter Auffahrt, dem Himmel so nah. Grün war die Farbe der Hoffnung und nährte jedes Mal wieder in der zweiten Etage die trügerische Zuversicht auf ein Ereignis, eine Platzierungsverbesserung, eine Pause vielleicht. Rot schließlich kündete im ersten Stock vom nahen Ende der Bergab- und Geradeausfahrt. Die klassischen Warnfarbe als Vorankündigung für den nächsten Berg.

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Die Logistik des Wahnsinns
Was brauchte es, um für diese Herausforderung gerüstet zu sein? Seitens der von den Wiener 2RadChaoten gestellten Organisation: Kiloweise Bananen, Brot, Jausenweckerl, Würstel, Kaffee und Kuchen, literweise Iso- und Energy Drinks, Wasser und Bier, ein fettes Soundsystem, einen unermüdlichen Moderator, zwei Transporter, eine Chip-Zeitnehmung und eine Handvoll Helfer. Seitens der Fahrer: „Ein einfaches Gemüt würde helfen“, feixte ein Teilnehmer kurz vor Mitternacht. Dazu etwas Wechselkleidung, einen Rahmen, zwei Räder, Lenker, Pedale, Kette, und aus. Keinen unnötigen Schnick-Schnack und Firlefanz. Kein hochtechnologisches Brimborium, keine Hightec-Parts. Vor allem aber: keinen Gang. Oder besser: einen Gang. Der allerdings wollte wohl gewählt sein. War er das nicht, passierte Folgendes: Es brannte der Oberschenkel. Es zitterte das Knie. Es zog die Schultermuskulatur. Es schlingerte das Vorderrad. Es krachte der Antrieb. Es ächzte der Mensch. Und das alles nur wegen einer Rampe mit knappen zehn Metern Höhenunterschied.

 

Abgesehen von diesen 31.467 Zentimetern Streckendetail bestand der Tag und Abend im Parkhaus Neu Marx jedoch aus einer einzigartigen Sammlung von Schräglagen und Zwischensprints. Ein steter Wechsel von Fliehkraft und Speed. Ein herrlicher Rhythmus aus Anbremsen und Umlegen. Und das über Stunden. Das Leben war schön. Aber jeder Höhenflug hat ein Ende. Beim Last Man Standing 2012 kam es für die meisten Helden der Langdistanz mit der Erkenntnis, dass nach Ende aller Muskelkraft noch immer mehr als die Hälfte der Renndauer übrig war. Optional auch mit den ersten Magenkrämpfen, Blasen an den Händen oder Defekten am Rad. Für manche brachten diese Geschehnisse sogar das vorzeitige Aus. Auch brach die Nacht herein über den dritten Wiener Gemeindebezirk. Zwar sorgte das insofern für Abwechslung, als rundherum ein paar Lichter in den Fenster angingen. Aber Neu Marx ist nicht die Innere Stadt. Den Großteil der Woche bildet die rekultivierte Industriefläche eine eher charmefreie Mischung aus Arbeitsplatz, Event-Location, Büro-Prunkbauten und Autobahn. Am Wochenende ist sie zudem noch ziemlich menschenleer. Gut für alle, die über Nacht laute Musik machen und Fahrrad fahren wollen. Schlecht für jene, die währenddessen auf spannende Einblicke in die umliegenden Häuser hoffen.

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Halbzeit
Eine halbe Stunde nach Mitternacht kam wieder Bewegung ins Spiel. Die 12H-Fahrer wurden per Massenstart ins Rennen geschleust. Plötzlich doppelt so viele Menschen auf der Strecke und wieder knackige Positionskämpfe und Ellbogenfights. Die Neuankömmlinge rissen die Altgedienten mit, persönliche Kilometer- Rekorde purzelten: 200, 300, 350! Für einige Stunden herrschte beinahe so etwas wie fröhliches Gedränge und Geplapper am Kurs. Zudem gab es jede Menge neuer Räder anzuschauen. Farblich bis ins letzte Detail abgestimmte Kunstwerke cruisten neben hingebungsvoll zusammengezimmerten Improvisationen, old fashioned Retro-Shirts mischten sich mit neumodernen Renn- Trikots.
Sven und Sabine Illner bekamen das alles nur mehr am Rande mit. Sie gönnten sich auf ihren Feldbetten nach etlichen durchgekurbelten Stunden den Schlaf der Gerechten und klinkten sich erst am Morgen wieder ein. Auch Martin Donat beschloss nach langem Kampf mit seinem Körper und Gewissen, eine Stunde auszusetzen und damit Rang zwei im Einzel-Klassement zu verlieren. Der 24-Stunden-Debütant war damit in bester Gesellschaft: Überall lagen gestrandete Solisten und pausierende Staffel-Fahrer zu Kugeln gerollt oder kerzengerade ausgestreckt in den zu Schlafkojen umfunktionierten Parkbuchten. Manche mochten die Anforderungen von 24 Stunden nonstop unterschätzt haben, manche mochten sich die Tortur nie in voller Länge vorgenommen haben. Jedenfalls dünnte sich das Starterfeld der Solisten bis in die Morgenstunden weiter aus, während die Teamfahrer bei ihren Wechseln immer längere Lagebesprechungen herausschlugen. Als dann jedoch die letzte Stunde anbrach, war wieder alles auf den Rädern, was sich dort noch irgendwie halten konnte. Wer seine Kräfte perfekt eingeteilt hatte, pushte sich im finalen Endorphinrausch zum persönlichen Rundenrekord. Die meisten aber kurbelten entrückt dem Ende dieses Gewaltakts entgegen. Ihr Leben war eine Kehre, eine Rampe, ein weißer Strich. Ihr Leben war schmerzhaft. Ihr Leben war schön.

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Warum, vol. 2
Um zur eingangs gestellten Frage zurückzukehren: Auch ein bisschen Courtney Love und Beyoncé kann nicht schaden, oder Dixie-Klos und Verwandten-Besuch. Ein Sonnenaufgang wirkt wie bei jedem 24Hours Wunder, und der Kommentar des Sprechers vermag selbst eine Stunde vor Schluss noch ungeahnte Kräfte freizusetzen.
Manchmal hilft aber auch das alles nichts, und die Knieschmerzen, Krämpfe in den Handgelenken oder schlicht und einfach Müdigkeit werden zum unüberwindbaren Stolperstein. Aber dann freut's immer noch, es wenigstens versucht zu haben, und im Rahmen des Möglichen oder Angepeilten auch ganz schön weit gekommen zu sein.
Warum man so etwas Eigenartiges macht, wie einen ganzen Tag in einer Parkgarage im Kreis zu fahren, das kann wohl keiner der 25 Teilnehmer wirklich schlüssig beantworten. Stellvertretend für die vielen um Nachvollziehbarkeit ringenden Erklärungen hier der Beweggrund des Last Man Riding, 24H-Solo-Sieger (490 km!) Wolfgang Zauner aus Österreich: „Daheim geht’s immer nur um Haus und Garten, und mit Glück kommst am Abend für zwei Stunden aufs Rad. So hatte ich endlich die Gelegenheit, lange zu trainieren.“
Ist das Wahnsinn? Ist das Logik? Oder nur Beharrlichkeit? Was immer es ist: Es hinterließ bei den Fahrern eine angenehme Leere im Kopf und Fülle im Herzen. Und es hat bewirkt, Teil von etwas ganz Besonderem gewesen zu sein.

 

Fotos: Erwin Haiden, Bikeboard.at; Dominik Kiss, stephanmantler.com

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