Denise Schindler

Denise Schindler

"Hinfallen bedeutet nicht, dass ich liegenbleibe"

Von einigen wenigen Menschen sagt man, dass sie einen Raum erhellen, wenn sie reinkommen. Denise Schindler (31) ist so eine “Lichtgestalt”. Sie ist lustig, selbstbewusst und sprüht vor Energie. Und sie ist erfrischend hemmungslos, über Behinderungen im und außerhalb des Sports zu sprechen. Für die Paralympics-Siegerin aus der Nähe von Regensburg gibt es da keine Tabus.

Da ist keinerlei Zurückhaltung zu spüren, wenn die unterschenkelamputierte Denise Schindler von den Paralympics 2012 in London erzählt. Und davon, dass dieses Großereignis die öffentliche Wahrnehmung grundlegend geändert hat. Nicht nur die gegenüber Athleten mit Behinderung, sondern vor allem die gegenüber Menschen mit Behinderung. Ihr Motto: Jeder hat das Recht, sich attraktiv und selbstbewusst zu fühlen. Und ihr Mantra: Wer etwas im Leben leistet, wird auch dafür belohnt. Hört sich nach rosarotem Berufsoptimismus an. Man nimmt’s ihr aber ungefragt ab. Denn sie gibt auch unumwunden zu, dass das Leben nicht immer nur hell glänzt. Misserfolg und Niederlagen gehören genauso dazu. Aber nur wer die dunklen Momente mit der gleichen Energie wegstrampelt wie die hellen, weiß, was Denise meint.
“Ich zeige den Menschen, was hinter den Kulissen vor sich geht”, sagt sie über ihre Vorträge und Moderationen. Für ihre Workshops, mit denen sie andere Menschen inspirieren und motivieren möchte, ist Denise in der Zwischenzeit fast genauso bekannt wie für ihre sportlichen Erfolge. “Jeder Mensch fällt einmal hin. Auch ich. Der springende Punkt ist: Hinfallen bedeutet noch lange nicht, dass ich liegenbleibe. Viele versuchen es aber nicht einmal. Sie sagen einfach nur: “Ich kann nicht aufstehen.” Ich will Menschen dazu bringen, wieder aufzustehen. Einmal aufgestanden, sind sie auf dem richtigen Weg. Und es geht wieder weiter. Aber der erste Schritt ist und bleibt der schwierigste.”

Mit Denise als “Guide” ist das Aufstehen erst der Start. Ihre Projekte sind nicht nur Ausdruck unfassbarer körperlicher und psychischer Leistungsfähigkeit, sondern auch unbezahlbare Inspiration für Gefallene, Aufstehende und Loslaufende.

denise schindler

Ihre neueste Gewalttour startete am 25. Juni im Allgäu, dem südlichsten Zipfel Deutschlands. Denise Schindler und der ebenfalls beinamputierte Martin Hutter sind als das erste beinamputierte Mixed-Team in die Geschichte der Tour TransAlp, dem härtesten Teamrennen der Alpen eingegangen. Vom paralympischen Vierjahresrythmus mental ausgelaugt, merkte Denise, dass sie etwas ändern musste. Ein neues Projekt, eine neue Herausforderung nach dem olympischen Hamsterrad. “Die Tour TransAlp ist wie ein wahr gewordener Traum für mich.” Auch wenn die Zeiten der Kontemplation auf einer fast 900 Kilometer langen Alpenrennen mit satten 18.000 Höhenmetern rar gesät sein werden…
Die Entscheidung, am vielleicht härtesten Teamrennen Europas teilzunehmen, kam jedoch nicht aus dem Bauch. Sie rang lang und ausdauernd mit sich selbst, auf einer Art “Seelensuche” in Südafrika. “Ich flog für einen Monat nach Südafrika, um zu trainieren. Dort hörte ich in meinen Körper und mein Inneres hinein. Bin ich reif für die Tour TransAlp? Will ich wirklich so viele Stunden im Sattel sitzen? Oder brauche ich eine längere Pause als früher, um mich von den Olympischen Spielen zu erholen?”

denise schindler

Für Denise war die Entscheidung eine innere Notwendigkeit. Ein neues Ziel, das nach vier Jahren Fokus auf die Paralympics ihren Kampf- und Wettkampfakku wieder neu auflud.“ Es ist einfach nur großartig, ein neues Ziel vor Augen zu haben. Eines, das mich echt herausfordert.“
Als die Entscheidung nach langem inneren Kampf schließlich gefallen war, dachte sie: “Okay, mit wem nehme ich dieses Rennen in Angriff?” Der erste Name, der ihr in den Sinn kam, war Martin Hutter. Also schickte sie ihrem Teilzeit- Trainingspartner nach ihrer Rückkehr eine SMS. Auf Begrüßungsfloskeln wie “Hi Martin, wie geht’s?” verzichtete sie schlichtweg und kam ohne lange zu fackeln gleich zur Sache: “Machen wir beide die Tour TransAlp. Fragezeichen, Smiley.” Seine Antwort: “Du lässt zwei Monate nichts von dir hören und fragst mich jetzt per SMS? Aber, klar, ich bin dabei!” That’s it.
Denise und Martin hatten sich in einem Trainings- Camp auf Mallorca kennengelernt. Man tauschte Trainingserfahrungen mit anderen körperbehinderten Sportlern aus. Und nebenbei war das Prothesenthema für beide ein spannendes … Normalerweise dominiert das übermächtige Thema “Training für die Paralympics” das Trainings- und Privatleben vier Jahre lang komplett. Kontakt mit anderen Sportlern ist da – wenn überhaupt – meist sporadisch. Denise muss heute noch selbst darüber lachen, wie sie Martin mit ihrem Nach-Olympia-Projekt Tour TransAlp mitten in der Olympia-Vorbereitung regelrecht überfahren hatte. Aber so ist sie halt!

denise schindler

Martin kommt am zweiten Tag des Endura-Teamrider- get-together in Kitzbühel dazu – als Denise gerade von ihrem kleinen Ausflug hinauf auf die Großglockner-Hochalpenstraße zurückkommt. Er ist superfreundlich, aber reservierter als seine Teampartnerin. Sie: unzähmbar. Er: diplomatisch. Zusammen sind die beiden ein tolles Team. Martin ist physisch natürlich stärker, aber Denise wirft die immense Erfahrung einer Weltklasse- Athletin in die Waagschale. Die beiden verbindet ein unsichtbares, psychologisches Band, das ihr großer Vorteil sein kann, wenn das Monster Tour TransAlp seine hässlichen Zähne zeigt.

Auch wenn die Umstände ihres Unfalls als kleines Mädchen unvorstellbar brutal erscheinen – ihr langer und beschwerlicher Weg zurück ins Leben (und in die Normalität) war kaum einfacher. Ein solch existentiell das Leben verändernder Unfall in so jungem Alter ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits vergisst man das Erlebte als Kind sehr schnell wieder. Die psychischen Wunden verheilen. Die physischen nicht. Wachstum und Entwicklung bedeuten einen schier endlosen Weg der Genesung. Bis zu ihrem 14. Lebensjahr musste Denise mindestens einmal pro Jahr unters Messer. Wenn andere Kinder in den Ferien mit den Eltern in den Süden flogen, tauschte Denise die Schulbank mit dem Krankenhausbett. “Bis ich 18 war, liebte ich den Sport nicht. Ich mochte ihn nicht mal besonders. Ich wurde immer als letzte in eine Mannschaft gewählt. Das Gefühl, das sich in dir festsetzt: Du bist die letzte. Bevor ich mein erstes Rennradrennen bestritt, dachte ich: “Okay, diesmal wirst du nicht Letzte! Und dann wurde ich in meiner Kategorie: Erste! Das änderte die Spielregeln von Grund auf. Ich hatte etwas gefunden, was ich liebte.”

denise schindlerDass Denise Schindler es zu einer Weltklasseathletin gebracht hat, zeugt von ihrer unfassbaren Anstrengungsbereitschaft. Die Paralympics 2012 in London rückten erstmals Sportler mit Behinderung – und damit auch Denise – in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Die 31-Jährige ist eine glühende Verfechterin der Richtung, die London 2012 vorgab. Die Spiele 2012 als Brandbeschleuniger für die Flamme “Paralympische Bewegung”. Sie erinnert sich wie heute an die riesigen Plakate und Banner, von denen Englands Hauptstadt im August und September 2012 überzogen waren. Eine Kampagne, die die Paralympics endgültig auf Augenhöhe mit den Olympics bringen sollte. Channel 4, der Heimatsender der Londoner Paralympics, trug das seine zur Emanzipation der Paralympics von den Olympics dazu bei, indem er die Insel mit fetten Werbeplakaten zukleisterte, auf denen stand: “Danke für den Warm-up!”

“Peking war das Vorspiel, aber London war der Höhepunkt – ab da erhielt die Paralympische Bewegung endlich die weltweite Anerkennung, die ihr auch zusteht. Ich erinnere mich wie heute an mein Zeitfahren im Velodrom, eines der besten Rennen meines Lebens. Tausende Menschen, die jeden einzelnen anfeuerten. Die Menge schrie uns förmlich ins Ziel. Das war der Moment, der alles änderte.”

Ihre außergewöhnlichen Leistungen definieren sie – verbiegen ihren Charakter aber nicht. Denise trägt ihre Erfolge (im wahrsten Wortsinne) so “leichtfüßig” wie ihre Hightech-Prothese. Das Thema Körperbehinderung blitzt nur im Interview kurz auf, ansonsten spielt es überhaupt keine Rolle. Sie ist einfach nur eine Endura-Athletin wie alle anderen, die sich an diesem Sommertag in Kitzbühel treffen.

Nach einem Tag mit Denise Schindler überstrahlt für mich eine Charaktereigenschaft den Rest wie die Sonne den Mond: ihre Menschlichkeit. Sie sprüht förmlich von dem natürlichen Drang, anderen zu helfen. In ihren Vorträgen geht es immer weniger um ihre eigene sportliche Karriere, sondern immer mehr um die Botschaft, andere auf ihrem Weg mitzunehmen und sie zu einem glücklicheren Leben zu führen. Ob mit Sport oder einer x-beliebigen Leidenschaft ist letztlich egal. Wenn sie in einem ihrer Zuhörer eine Flamme entzünden kann, zählt das für sie mehr als eine Medaille.

Fotos: Sean Hardy & Oliver Kremer | Text: Timothy John – Übersetzung: Andreas Kern

Verlosungen

Biciclettakombi by Maloja

Bicicletta Trikots