Giro d’ Ialia - Amore Infinito

Giro d’ Ialia - Amore Infinito

Die Unbeschwertheit des Davide Formolo

Text: Tim John Übersetzung: Isabella Hochfilzer Foto: Cor Vos

Ein italienischer Radfahrer zu sein bedeutet, Erbe eines unvergleichbaren sportlichen Vermächtnisses zu sein – einer Renntradition, die auf Mut und Risikobereitschaft beruht. Den Giro d’Italia zu bestreiten bedeutet, auf Straßen unterwegs zu sein, die nicht nur als Transportwege nützlich sind, sondern auch ihre Umgebung gekonnt in Szene setzen. Es bedeutet, von Fremden als Sohn oder Bruder in jedem der Start- und Zielorte willkommen geheißen zu werden.

davide formolo

Davide Formolo wuchs in Venetien, dem Herzen des italienischen Straßenradsports, auf und weiß deshalb um die Wichtigkeit der diesjährigen 100. Auflage des Giro d’Italia. Mit dem Sieg der vierten Etappe konnte er 2015 auf der Corsa Rosa das Ergebnis liefern, durch das er plötzlich bekannt wurde. Dabei vollbrachte er eine solche Glanzleistung, dass ihm sogar seine berühmtesten Vorgänger Anerkennung zukommen ließen. „Italiener sehen sich den Giro an, das ist ganz klar“, meint Formolo mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Ich bin damit aufgewachsen.“
Der Giro ist ein solch wichtiger und integraler Teil der italienischen Kultur, dass sogar der begeistertste nichtitalienische Radsportfan seine Bedeutung nur dann verstehen wird, wenn er selbst den Giro vor Ort erlebt. Denn erst dann wird er zu einem einzigartigen Erlebnis: Das Schlendern durch die mit rosaroten Bändern versehenen Straßen in den Start- und Zielorten, das Überwinden der schneebedeckten Straßen der mächtigen Dolomiten oder das Anfeuern des Pelotons, das gerade mit den frühen Sonnenstrahlen des Sommers in eine auf einem Hügel liegenden toskanischen Stadt einfährt – das ist der durch den Giro herbeigeführte Inbegriff italienischer Identität, auch wenn sich diese stets zu verändern scheint, sobald sich die Rennfahrer einen Weg durch die verschiedenen Regionen bahnen.

davide formolo

Würde man dies allerdings Formolo erzählen, so käme es ihm vor, als möchte man ihm sagen, dass Gras grün oder der Himmel blau sei. Die Bedeutung des Giros ist für einen italienischen Radfahrer vergleichbar mit der Bedeutung Augustas für einen US-amerikanischen Golfer oder das Wembley Stadion für einen englischen Fußballer. „Der Giro ist unglaublich. Die Etappe in den Dolomiten ist sehr speziell, und die Fans sind wirklich einzigartig“, schwärmt der Italiener. „Neben Liege-Bastogne-Liege waren die drei Teilnahmen am Giro d’Italia bisher sicher die größten Herausforderungen meiner Karriere.“

Dies alles bedenkend ist es verständlich, dass seine verletzungsbedingt wenig zufriedenstellende Leistung beim letztjährigen Giro wohl eine bittere Enttäuschung für Davide Formolo gewesen sein muss. Und das, auch wenn er das Rennen als viertbester in der Nachwuchswertung abschloss – also eine wenig zufriedenstellende Leistung, die zumindest nicht ganz ohne Erfolg blieb. „Im ersten Abschnitt der Saison konzentrierte ich mich auf den Giro. Und ich dachte, ich wäre bereit und könnte gut abschneiden. Am Tag vor dem Sturz in der Romandie trug ich das weiße Trikot und war siebter oder achter im GC. Am Tag nach dem Sturz, bei dem ich von 50 Männern auf den Boden mitgerissen wurde, sah ich, dass etwas mit meinem Körper nicht stimmte. Mein rechtes Bein war total geschwollen. Zusammen mit dem Team habe ich beschlossen, beim Giro trotzdem an den Start zu gehen, weil die erste Woche nicht ganz so hart ist und ich auf eine Genesung hoffte. Vielleicht war aber eine Woche einfach nicht genug, um mich von diesem Sturz zu erholen.“

Monate nach dem Giro erzählt er in Interviews, dass er das Rennen „mit meiner Motivation und Moral komplett am Boden“ beendet hatte. Auf die Aussage angesprochen, muss er lachen. Die Enttäuschung hat er hinter sich gelassen. Er erklärt sich und seinen damaligen Gemütszustand, wirkt dabei aber stets wie jemand, der sich an der Zukunft orientiert.

„Ich war so traurig, weil ich so hart trainiert hatte und mich wirklich auf den Giro konzentriert habe. Ich habe lange in den Bergen trainiert und mich nur darauf konzentriert. Kurz vor dem Giro hatte ich dann den Sturz und dieses Problem und ich denke, dass ich dadurch im ersten Abschnitt der Saison sehr eingeschränkt war.“

Aber das war letztes Jahr. Der 100. Giro d’Italia wird für jeden Italiener auf der Startliste ein Rennen von unermesslicher Bedeutung darstellen und der junge Venezianer freut sich schon sehr darauf, sein Rennrad im Mai auf Sardinien ins Rollen zu bringen. Dabei wird er das Wissen, das er sich als Helfer von Andrew Talansky letztes Jahr während der Vuelta a España angeeignet hat, im Hinterkopf behalten. Es sagt einiges über den Charakter Formolos aus, dass die dritte Grand Tour der Saison, bei der er Talanskys Helfer war, für ihn zu den Highlights des Jahres 2016 zählt; und das trotz einer Platzierung unter den besten fünf bei der Tour de Pologne, eines eindeutigen Anzeichens für sein unbestreitbares Talent. „Ich habe viel von Andrew gelernt – vor allem davon, dass ich in entscheidenden Momenten bei ihm war. Manchmal leuchtet einem etwas nur ein, wenn man sich in der Nähe eines Profis aufhält. Zuerst sieht man zu und dann lernt man das, was man beobachtet hat, auch zu beherrschen. Sieht man aber nicht zu, kann man auch nichts lernen. Ich habe Andrew unterstützt; aber für mich hat es auch dazu beigetragen, erwachsen zu werden. Wenn man manchmal erschöpft ist, könnte man geradezu an die Decke gehen, aber ich sagte mir ‚Bleibe noch 10 Minuten hier, dann geht es wieder besser‘.“

davide formolo

Davide Formolo ist ein junger Mann, der täglich besser werden will in dem, was er tut. „Meine Rolle im Team? Einfach mein Bestes zu geben!“ Diese Saison strebt er vor allem eine Verbesserung seiner Fähigkeiten beim Zeitfahren an. Beim „Rennfahren der Wahrheit“ geht es darum, seine Kraft richtig einzuteilen. Das wirkt beinahe wie die Antithese des italienischen Radprofis, seiner Impulsivität, seines Elans und Stils. Formolo selbst beschreibt diese Herausforderung mit klareren Worten. Er ist sicher, dass es lediglich eine Frage der Positionsoptimierung auf dem Rad ist. Er hebt vor allem seinen Teamkollegen Sebastian Langeveld für seine vielen guten Ratschläge heraus, die er manchmal über Funkspruch erhält (es sieht ganz danach aus, dass der erfahrene Niederländer alles Zeug zum sportlichen Leiter hat). „Von Sebastian kann ich noch einiges bezüglich der Krafteinteilung beim Zeitfahren lernen, weil er sehr professionell ist. Unter anderem mit seinen Funksprüchen konnte er mir wirklich weiterhelfen. Er sagte Dinge wie ‚Okay und jetzt konzentriere dich auf deinen Rhythmus. Jetzt fährst du ein bisschen zu schnell. Jetzt kannst du langsamer werden.‘“ Zurzeit trainiert Davide Formolo sehr viel Zeitfahren. „Ich habe ein paar Tests auf dem Zeitfahrrad durchgeführt und wir haben versucht, meine Position zu optimieren. Beim Zeitfahren gibt es keine Regeln. Jeder fährt anders. Sieht man den drei besten Zeitfahrern zu, erkennt man, dass alle eine andere Position am Fahrrad haben. Man möchte eine Position finden, bei der man ein gutes Gefühl hat. Wir werden nicht aufhören diese Position zu suchen bis wir sie gefunden haben. Manche haben Glück und finden ihre richtige Position beim ersten Mal. Andere müssen es zehn Mal versuchen.“

In Formolo steckt ein natürlicher Optimismus, von dem ihn auch das Alter nicht abbringen kann. Sein Glas ist immer halbvoll – was mit 23 Jahren nicht sehr schwierig ist – aber sein Temperament macht ihn zu einem beliebten Teammitglied, unabhängig von Nationalitäten. Formolo war seit Beginn seiner Profikarriere Mitglied des Cannondale Teams. Obwohl der Betreiber des Teams nicht mehr derselbe ist und die Mannschaft immer internationaler ausgerichtet ist, hält er daran fest, dass es sich immer noch wie zu Hause anfühlt. „Ich bin seit drei Jahren Teil des Teams und fühle mich hier sehr wohl. Für mich ist es toll die anderen Fahrer kennen zu lernen und zu sehen, wie woanders, abseits der italienischen Rennradtradition, gearbeitet wird.“ Entsprechend seiner optimistischen Einstellung sieht er in der wachsenden Zahl amerikanischer und australischer Mitglieder eine gute Möglichkeit, sein Englisch zu verbessern. „Wenn ich jetzt mit den Männern spreche, fühle ich mich wohl. Beim Essen kann man besser miteinander herumalbern oder über wichtigere Themen sprechen, als auf dem Fahrrad.“

davide formolo

Formolo ist eines der drei italienischen Mitglieder von Cannondale- Drapac. Wenn er beim Giro antritt, möchte er nicht nur für seine Teamkollegen, sondern auch für sein Land fahren. Er spürt die Last nicht, den Erwartungen einer ganzen Nation entsprechen zu müssen, er möchte in erster Linie seine Leistung steigern. Er ist stolz, sein Heimatland beim Giro zu vertreten, trotzdem aber erstaunlich entspannt.
Er weiß, worum es beim Giro geht; was er für seine Landsmänner bedeutet. Er sah deren Freude, nachdem er vor fast drei Jahren als erster in Spezia angekommen war und den größten Sieg seiner Karriere feiern durfte. Sein Sieg wurde am nächsten Tag auf der Titelseite der La Gazzetta Dello Sport hochgepriesen. Für einen italienischen Straßenradfahrer gibt es kaum ein höheres Maß an Anerkennung. Heute ist er ein bisschen älter und um einiges vernünftiger und möchte dieses Kunststück bei der 100. Auflage des Giro d’Italia gerne wiederholen. Sollte man ihn treffen, ist es reine Zeitverschwendung ihn zu fragen, was der Giro d’Italia für ihn bedeutet. Das Gefühl bei der Jubiläumsauflage des Giro als Italiener antreten zu dürfen, wird in jedem Augenblick von seinem Gesicht abzulesen sein.
Davide Formolo beendete den 100. Giro d’Italia 2017 als bester Fahrer seines Teams Cannondale-Drapac und drittbester Italiener auf dem 10. Gesamtrang. Für einen Etappensieg hat es diesmal nicht gereicht, sein bestes Resultat war ein sechster Platz auf der 16. Etappe von Rovetta nach Bormio. Sein nächstes Ziel ist die Vuelta a España, wo er versuchen wird, seinen neunten Platz im Gesamtklassement zu verbessern.

Verlosungen

Biciclettakombi by Maloja

Bicicletta Trikots