Unbekanntes Italien

Unbekanntes Italien

Endlich wieder Asphalt unter den Rädern! Nach stundenlangem, nein, tagelangem Training auf der Walze, mit Ausblick aus dem Fenster in die verschneite Landschaft oder in die Mattscheibe, hatten wir die erste Ausfahrt herbeigesehnt, wie ein 3-jähriger den Osterhasen. Das Problem war nur, wohin fahren, wenn es vor der eigenen Haustür noch Temperaturen um den Gefrierpunkt hat und der Winter immer wieder droht zurückzukehren? Klar, die Kanaren sind in solch einer Situation ein sicherer Tipp. Doch wir wollten dieses Jahr unser erstes Trainingslager anders gestalten. Kein Flieger und auch keine allzu lange Fahrt mit dem PKW. Da bleibt nicht viel übrig. Beim Blick auf die Europakarte fiel uns aber eine Region ins Auge, die wir bisher übersehen hatten. Die Marken, gleich unter San Marino auf der Landkarte und östlich der Toskana gelegen. Klingt nicht schlecht und die vielen kleinen Nebenstraßen auf "Google Earth" versprechen vieles. Ob die Region das auch einhält? Wir wollten es ausprobieren.

In langen Serpentinen zieht sich die Straße hoch. Den Schnee haben wir zu Hause gelassen, dafür ist der Schweiß ein ständiger Begleiter. "Ich habe nicht in Erinnerung, dass Rennradfahren so anstrengend ist", stöhnt Markus. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man im Wohnzimmer auf einer Rolle seine Grundlageneinheit abspult, oder sich wie hier einem ständigen "Bergauf- Bergab"-Rhythmus stellen muss. Die Region rund um Urbino besticht vielleicht nicht mit hohen Bergen, aber die hügelige Landschaft, gespickt mit den vielen kleinen Dörfern, die meist auf den grünen Rücken liegen, hat doch einige Rampen im Talon, die man nicht unterschätzen sollte. Fast könnte man meinen, man befinde sich in der Toskana, aber eben nur fast. Die Italiener bezeichnen die Region als das "wahre Italien". Es ist hier vieles ursprünglich geblieben und es fehlt etwas Grundlegendes: der Massentourismus.

Zwei Kilometer noch, dann haben wir den ersten "Hügel" geschafft. Der eigentlich nicht allzu schwere Anstieg fällt selbst Peter, unserem Trainingsweltmeister nicht leicht. Gleich vom Hotel weg haben wir uns für die Route hoch nach Mondaino entschieden. Über sechs Kilometer zieht sich die schmale Asphaltstraße Route führt uns nach Tavoleto und Sassocorvaro. Immer wieder geht es kurz bergab, dann wieder eine Rampe bergauf, bevor es wieder bergab geht. Auf dieser Achterbahn wird uns nicht langweilig und auch unsere Pulsuhr raucht schon fast vor Überlastung. Wir haben uns ein hochgestecktes Ziel gesetzt: bis zum Monte Carpegna wollen wir kommen.

Der Berg war eine der Lieblingstrecken von Marco Pantani. Der Radstar und der Berg gehörten damals zusammen wie Reinhold Messner und der Mount Everest. Fast täglich spulte er die Runde rund um den 1415 Meter hohen Gipfel ab und auch beim Giro d'Italia wurde auf der sechs Kilometer langen Rampe Geschichte geschrieben. "Il Carpegna mi basta (Der Carpegna reicht mir)", hatte Pantani einst nach der harten Giro-Etappe gestöhnt. Für uns reicht schon der Weg dahin, nicht Kette rechts, sondern Kette links lautet das Motto unserer ersten Ausfahrt.

Uns reicht es schon nach den ersten 500 Metern, bis zu 20 Prozent Steigung erreichen die Rampen hoch zum Carpegna. Zuviel für den ersten Tag. Wir beschließen umzudrehen und dafür noch einen Stopp in Urbino zu machen. Die Stadt ist eines der größeren Zentren in der Umgebung und lockt mit ihren schmalen Gassen und imposanten Plätzen auch einige Touristen an.

Schon von weitem können wir die berühmten Zwillingstürme der Universitätsstadt sehen. Sie sind das Warzeichen von Urbino und wurden schon zigtausendmal auf Fotos festgehalten. Im Zentrum von Urbino herrscht ein lebendiges Treiben, am Piazza della Repubblica geben sich Händler, Künstler und Musiker die Klinke in die Hand. "Pizza, Frutta, Pasta", an jeder Ecke bieten uns die Händler und Wirte ihre Ware an. Ende Juni haben hier die Rennradfahrer die Stadt fest in der Hand. Beim Gran Fondo "Straducale" treffen sich Radsportler aus ganz Italien im Zentrum von Urbino um eine der drei Strecken – von 73 bis 200 Kilometer Länge – in Angriff zu nehmen.

Dazu gibt es auch noch eine Randonée-Strecke bergauf. Um diese Jahreszeit im Frühling herrscht hier so etwas wie Aufbruchsstimmung. Die Bauern bereiten die Felder vor und auch hier, Mitten in Italien, kommt die Natur langsam aus ihrem Winterschlaf. Wobei die Bezeichnung Winter für uns Mitteleuropäer nicht ganz unseren Vorstellungen entspricht. Bereits ab Februar kann man an warmen Tagen seine Trainingsrunden ziehen und im März sind Tage mit Temperaturen von knapp 20 Grad keine Seltenheit. Nach einem kurzen Flachstück nehmen wir die letzte Rampe in Angriff. Über unseren Köpfen thronen die imposanten Mauern von Mondaino. Im Inneren der Burg befindet sich ein schöner Innenhof, in dem regelmäßig traditionelle Festivitäten abgehalten werden. Von hier oben hat man einen schönen Ausblick auf die Umgebung. Man hat fast den Eindruck, jeder Hügel hat seine eigene, persönliche Festung. Ganz egal in welche Richtung man blickt erkennt man die kleinen Dörfer aus Stein. Dazwischen ziehen sich unzähligen Straßen, vorbei an Weinbergen und Getreidefelder.

"Schaut doch bei Massimo vorbei", hat uns noch Alessandro bei unserer Abfahrt gesagt. Hier wird ein ganz besonderer Käse hergestellt. Der Pecorino di Fossa wird in unterirdischen Löchern gelagert und luftdicht verschlossen. Nach drei Monaten ist die Spezialität fertig gereift. Mit seiner speziellen Zusammensetzung ist der Schafskäse ein idealer Energielieferant und wird von den Einheimischen Radfahrern auch "Radlerkäse" genannt. "Nehmt ein Stück mit, vielleicht könnt ihr ihn brauchen", bietet uns Massimo an. Warum nicht, anstatt mit Bananen und Müsliriegel bewaffnet fahren wir nun mit einem Stück eingepacktem Käse weiter. Unsere mit 300 Kilometern und über 6000 Höhenmetern.

Hier wird der Start auf den Abend verlegt um den Sonnenaufgang auf dem Berg Petrano zu genießen, sofern nach acht Stunden im Sattel ein Genuss noch möglich ist.

Nach einer kurzen Erkundung verlassen wir wieder die alten Gemäuer und rollen gemütlich zurück zu unserer Unterkunft. Wir beschließen nicht die Hauptstraße zu fahren, sondern entscheiden uns noch für eine kleine Runde Richtung Cappone zu drehen. Entlang eines langgezogenen Hügels zieht sich die Runde nach Osten. "Schau das Meer, ich habe mir nicht gedacht, dass wir bereits so nah an der Küste sind", ist Peter überrascht, als wir die glitzernden Wellen am Horizont sehen. Es sind ja nur 20 Kilometer nach Pesaro, der Küstenstadt südlich von Rimini. Dort ist es vorbei mit Idylle, Pesaro lebt Tag und Nacht und der starke Verkehr lädt nicht unbedingt zu einem Besuch mit dem Rad ein. Wobei sich nördlich davon eine der schönsten Küstenstraßen in der Umgebung befindet. Die Strada Panoramica führt über der Steilküste von Rimini nach Pesaro. 170 Höhenmeter Anstieg und einige Kurven, so kann man den Abschnitt kurz beschreiben. Oben angekommen blickt man auf die vielen kleinen Strände, die weit unten am Meer Badegäste anlocken.

Für uns geht der Tag langsam zu Ende und auch der Magen macht sich langsam bemerkbar. Selbst unser Käse- Vesper im Trikot hat uns nur schwer über die Runde gebracht. Wir haben am ersten Tag unseres Trainingslagers bereits einen guten Überblick über die Marken bekommen und eines sind wir uns jetzt schon sicher: Die restliche Woche wird noch mit einigen Überraschungen aufwarten. Wir haben eine neue, andere Seite Italiens kennengelernt und die vielen unterschiedlichen Radrouten brauchen sich mit anderen Regionen nicht verstecken. Marco Pantani hat damals gesagt "Il Carpegna, mi basta" aber die Marken reichen uns noch lange nicht.

FOTOS & TEXT: HEIKO MANDL

INFOBOX

Lage:
Die Marken liegen an der Ostküste Italiens und grenzen im Norden an die Region Emilia-Romagna, im Süden an die Abbruzzen und im Westen an die Toskana und Umbrien. Der höchste Berg ist der Monte Vettore mit 2476 Metern.

Anreise:
Von Deutschland aus über die Brennerautobahn nach Bozen. Von dort weiter über Verona und Bologna nach Pesaro. (München–Pesaro, 700 km, 6:30 h).

Charakter:
Die Touren in den Marken führen meist durch hügelige Landschaft mit vielen Anstiegen, die jedoch nicht über 500 Höhenmeter hinausgehen. Ausnahmen sind hier der Anstieg zum Monte Carpegna und die Auffahrt zum Minte Catrio.

Beste Reisezeit:
Bereits ab März kann man in den Marken gut Rennradfahren. Ab Mitte Juni ist es meistens zu heiß, ab September beginnt dann wieder die Radsaison und zieht sich bis November rein.

Unterkunft:
Roadbike Holidays-Mitgliedsbetrieb: Hotle Mamiani, 61029 Urbino, Tel. 0039(0)722/322 309, www.hotelmamiani.it
Weitere Regionen und Hotels finden sie unter: www.roadbike-holidays.com

Events:
Die Straducale ist ein Radmarathon in den Marken. Infos unter www.straducale.it

Karte:
Marco Polo Straßenkarte, Marken, Umbrien, 1:200.000, 8,99 Euro.

Verlosungen

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