Seite 24 - Bicicletta da Corsa Magazin

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abgeht. Und wenn es kritisch wurde – so zum Beispiel bei
schnellen Abfahrten – haben wir uns immer rausgehalten.
BDC: Heute wird digital Fotografiert. Es entstehenmehrere
Hundert Bilder, die direkt vom Motorrad in die Redaktio-
nen weltweit übertragen werden. Wie war es früher?
DB:
Wir haben alles im Mittelformat geschossen. Auf den
normalen Rollfilmen hatten 10 Bilder, auf den überlangen
20 Bilder Platz. Und ein Filmwechsel auf dem Motorrad
war praktisch nicht möglich.
BDC: Wie viel Bilder haben Sie dann pro Tag gemacht?
DB:
Gar nicht so viele. 100 bis 150.
BDC: Und was haben sie fotografiert?
DB:
Wir waren ja für eine Buchproduktion unterwegs. Für
mich war es faszinierend, das Spektakel zu sehen. Wir
konnten es uns auch leisten einen Fahrer den ganzen Tag
zu begleiten und die Strapazen und Leiden zu dokumentie-
ren. Für mich waren das alles Helden!
BDC: Helden?
DB:
Ja, die Jungs geben vom ersten Meter bzw. dem ersten
Berg bis zur Ziellinie in Paris alles. Und nicht nur die Füh-
renden, jeder einzelne. Die Tour ist für mich mit nichts zu
vergleichen. Das sind wahre Profis. Da können sich manch
andere Sportler, die sich auch Profi nennen mal eine
Scheibe abschneiden. Fußballer zum Beispiel, die nach
einer Stunde platt sind. Wir haben totale Erschöpfung ge-
sehen, Leiden, Schmerzen und Verletzungen. Und die Jungs
steigen einfach immer wieder auf´s Rad.
BDC: Was war der Höhepunkt der Tour 1977?
DB:
Ganz klar die Auffahrt nach Alp D`Huez. Didi Thurau
trug seit 15 Tagen das Gelbe Trikot, Bernard Thevenet atta-
ckierte in einer Dreiergruppe, es kam zu einem Zusammen-
stoß von Lucien Van Lampe mit einem Begleitfahrzeug,
Kuiper gewann vor Thevent, der dann Gelb bis nach Paris
verteidigte.
Ich weiß noch dass da so viel Hektik drin war, dass sich
mein Fahrer irgendwann weigerte weiterzufahren. Im Tour
Funk wurde nur noch geschrien, die Gasse, durch die Fah-
rer, Motorräder und Begleitfahrzeuge mussten, war nicht
breiter als zwei Meter. Es war ein unglaubliches Gedränge
und Stress. Und plötzlich fuhr Jochen Stellwaag in eine
Parkbucht, er konnte und wollte nicht mehr weiterfahren.
Im Nachhinein witzig, damals eine Katastrophe!
BDC: Und Ihr Bild der Tour 1977?
DB:
Bilder die in Erinnerung bleiben sind natürlich die mit
Didi Thurau in Gelb. Das hat ja damals in Deutschland
einen Rad Boom ausgelöst wie 20 Jahre später Jan Ulrich.
Wichtig sind mir aber die Bilder, die die Faszination Tour
deutlich machen: Alte Radexperten am Straßenrand oder
ganze Dörfer in Aufregung. Mein persönliches Lieblings-
bild entstand aber schon beim Prolog. Ein kleines Mädchen
saß am Straßenrand und spielt mit einem Spatz in Ihrer
Hand während die Fahrer an Ihr vorbei wischten. Ich glaub
da hab ich ein paar Filme verschossen.
BDC: Herr Baumann, wir bedanken uns herzlich für das
Gespräch!