Seite 23 - Bicicletta da Corsa Magazin

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BDC: Wie wird man Sportfotograf?
Dieter Baumann:
Ich bin mit dem Fotografieren aufge-
wachsen. Mein Vater war einer der ersten, der sich nach
dem Krieg ganz auf die Sportfotographie spezialisierte. Bei
der Fußball Weltmeisterschaft hatte er dann mit seinen Bil-
dern den großen Durchbruch. Und ich war schon als Kind
immer dabei, habe mit fotografiert. Den Bundesligastart
1963/64 habe ich praktisch live miterlebt.
BDC: Bei welchen anderen Sportveranstaltungen waren
Sie noch live dabei?
DB:
Bei den Olympischen Spielen von 1972 bis 1992, bei fast
allen Fußballweltmeisterschaften und bei der Tour de
France.
BDC: Und was war das Beeindruckendste?
DB:
Ganz klar die Tour 1977. Hans Blickendörfer hatte vom
Sigloch Verlag den Auftrag, ein Buch über die Tour de
France zu machen und engagierte meinen Vater und mich
als Fotograf. Gott sei Dank kannte er die Kollegen von der
L’Equipe und so bekamen wir eine Akkreditierung für ein
Photomotorrad.
BDC: Als „rasender Reporter“ braucht man ja großes Ver-
trauen zum Fahrer?
DB:
Ja, und da bin ich auch sehr froh, dass wir unseren Fahrer
und das Motorrad selbst mitbringen durften. Mein Fahrer,
Jochen Stellwaag,  fuhr damals Rennen. Das Vertrauen war
also da. Und eigentlich blieb mir ja auch nichts anders übrig.
BDC: Sie waren also beide zum ersten Mal dabei. Gab es
da einen Kodex?
DB:
Ganz klar. Es gab sehr umfangreiche Verhaltensregeln.
Leider kannten wir die nur so ungefähr. Ich weiß noch
genau, dass wir die ersten Tage permanent Angst hatten,
was verkehrt zu machen. Wir waren ja an den Tour Funk
angekoppelt und hatten da immer Angst, einen Verweis
ausgesprochen zu bekommen. Bei zwei Verweisen fliegt
man raus.
BDC: Aber es ging alles gut?
DB:
Ja, wir haben uns am ersten Tag nur hinter dem Feld
aufgehalten und uns gar nicht getraut, mal nach vorne zu
fahren. Da haben wir erst mal gekuckt was eigentlich 
„Mit dem spektakulärsten Raubmord
und mit der skandalösesten Regie-
rungskriese lässt sich nicht halb so viel
Papier verkaufen wie mit den Qualen
der Tour. Sie ist das unsterbliche Som-
merdrama, das sich die Franzosen
nicht nehmen lassen und das die
Frage zwischen der Begeisterung und
dem morbiden Schauspiel der Strapa-
zen aufwirft, welches  dem Passiven
ein prickelndes Gefühl des Wohlbeha-
gens verschafft.“ So schreibt Hans Bli-
ckensdörfer in seinem Buch „Tour de
France“ unter dem Titel „Geheimnis
einer Popularität“ in der Einleitung
seines 1977  erschienen Bildbands über
das berühmteste Radrennen der Welt.
Und über die Reporter, die das Spekta-
kel begleiten. „Der Reporter aber, der
im Begleitwagen manövriert zwischen
dem Gipfelstürmer, der dem Etappen-
sieg entgegenstrebt, und dem hoff-
nungslos demoralisierten Letzten, der
nie das Ziel erreichen wird, hat die
Hand am Puls des Rennens.“. Durch
den Reporter will die „vom Bild stimu-
lierte Einbildungskraft durch die ge-
schriebene Reportage befriedigt
werden.“  Aber woher kommen diese
stimulierenden Bilder? Wie ist es, den
ganzen Tag rückwärts auf einem Mo-
torrad zu sitzen? Wie war es früher,
ohne Digitalphotographie und Live-
übertragung der Bilder direkt vomMo-
torrad in die Redaktion auf der ganzen
Welt?
Wir haben uns mit Dieter Baumann
getroffen.  Dieter Baumann hat das Fo-
tografen-Handwerk von der Pike auf
gelernt. Direkt nach seiner Ausbildung
zum Werbefotografen fuhr er zu den
Olympischen Spielen 1972 nach Mün-
chen und blieb anschließend ganz bei
der Sportfotografie. Das eindrucks-
vollste Erlebnis in seiner Laufbahn als
Fotograf war für ihn die Tour de
France 1977, die er als Fotograf hinten
auf dem Motorrad erlebte.
TOUR 1977
D I E T E R B A U M A N N