Seite 23 - Bicicletta da Corsa Magazin No.2

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D
iese Frage, „Auf was habe ich mich da eingelas-
sen?“ beschäftigt mich erst, als ich mich und
meinen müden Körper gegen 3:45Uhr aus dem
Bett quäle. Natürlich sind Alpenüberquerungen schön –
ein sagenhaftes Erlebnis, egal ob mit dem Ski, Mountain-
bike oder mit dem Rennrad. Aber über die Alpen an einem
einzigen Tag? Das sind fast 400 Kilometer…
München – Gardasee, nonstop. Bei dem Gedanken fällt mir
das Nutellabrot aus der Hand und landet im Kaffee. Meine
Beine werden nervös, und während ich das Brot aus der
Tasse fische, überlege ich, was ich noch alles zu mir neh-
men könnte, um den Energiebedarf für einen 15-Stunden-
Tag zu decken. Ich krame meinen gesamten Riegelbestand
zusammen und fülle Kohlenhydratpulver in meine Trink-
flaschen. Keine Wette, kein Rennen, nur die üblichen Sprü-
che nach einer der unzähligen Runden die wir schon
zusammen gefahren sind. Wir, das sind ich und fünf renn-
radverrückte Freunde, die seit einigen Jahren regelmäßig
zusammen Rennrad fahren.
Punkt 4:45 Uhr sind dann alle im Münchner Stadtteil Lehel
versammelt: Tom, Ralf, Matze, Flo und Hansi. „Jedem von
uns gehört der Hintern versohlt!“, sagt einer. Mit dem Auto
sind wir in guten dreieinhalb Stunden am Gardasee. Und
was machen wir? Unser Treffpunkt, die italienische Bar
„La Stanza“ hat heute Morgen extra für uns geöffnet, um
uns den Start mit Espresso und einer leckeren Piadina zu
versüßen. Mit einem herzlichen „Arrivederci“ verabschie-
det uns Wirt Lorenzo um fünf Uhr in Richtung Italien.
Während die glatt rasierten Beine im Laternenlicht schim-
mern, schützen Windstopperweste und Ärmlinge vor der
kühlen Morgenluft. Die Stadt schlummert noch, als wir
von der Isar weg die ersten Höhenmeter am Giesinger Berg
erklimmen. Mit einem bayerischen „Jawoi“ gewinnt unser
wildester Fahrer Hansi die erste Bergwertung. Einige der
alten Hasen zügeln seine Motivation und mahnen zum
kleinen Blatt. Es gilt, die Reserven gut einzuteilen. Zu frü-
hes Ermüden durch zu große Gänge ist Gift für die Musku-
latur, selbst wenn es nach Erreichen des Brennerpasses
meist bergab geht. Die Herzfrequenz spielt bei einem sol-
chen Vorhaben eine wichtige Rolle. Je tiefer sie konstant
gehalten wird, umso mehr kann der Körper von den fast
unendlichen Fettreserven zehren. Ein kleiner Zwischen-
sprint kann an die Substanz gehen, die nur begrenzt ver-
fügbaren Kohlenhydratspeicher entleeren und den
Blutzuckerspiegel rapide absinken lassen. Im schlimmsten
Fall bedeutet das das Ende, Abbruch und ab in den Zug.
Um ein gleichmäßiges Tempo zu fahren und die Ermüdung
auf alle gleich zu verteilen, nutzen wir das Windschatten-
fahren konsequent aus. So kann jeder die Führungsarbeit
an der Spitze für das Kollektiv übernehmen und sich da-
nach vor dem Wind geschützt in der Gruppe erholen.
Bergprüfungen
Langsam schiebt sich die Sonne hinter dem Alpenhaut-
kamm hervor. Während wir durchs bayerische Oberland
fahren, verstauen wir die kleinen Stirnlampen in unseren
Trikottaschen. Vorbei am Kochelsee kommen wir unserem
ersten größeren Hindernis immer näher: dem Kesselberg.
Mit einer durchschnittlichen Steigung von acht Prozent
und 450 Höhenmetern trennt er den Kochelsee vom Wal-
chensee. Keiner von uns hat sich besonders auf dieses
Event vorbereitet. Das Leistungslevel ist sehr unterschied-
lich, doch wir haben eine gemeinsame Passion: Radfahren.
Gemeinsam wollen wir das Ziel erreichen und dieses dann
sicher mit einem kühlen Schluck Bier feiern. Am Berg bil-
den sich aus dem Gruppetto kleinere Grüppchen. Die Stim-
mung ist aber sehr gut - es wird gestichelt und gelacht und
über den Trainingszustand oder die kleinere Bauchansätze
des einen oder anderen gefrotzelt. „Jetzt haben wir schon
die ersten 100 Kilometer“, ruft Ralf. In diesem Moment
weiß ich nicht, ob ich mich freuen oder heulen soll. Die
Temperatur gegen acht Uhr deutet auf einen heißen Som-
An einem Tag von München an den Gardasee
DER LÄNGSTE TAG