Seite 18 - Bicicletta da Corsa Magazin No.2

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Straßenrand, die Teamtrucks verschachtelt auf dem Hotel-
vorplatz. Es werden Räder geputzt, Zahnkränze gewech-
selt, ein Teammitarbeiter kommt mit einem Wäschekorb
schmutziger Trikots aus dem Hotel und steckt sie in die
Waschmaschine im LKW.
„Das ist das Sechste Rad
heute“ antwortet Benny auf
die Frage wie viel Räder er
heute schon geputzt hat. Noch
zwei gründlich und dann die
Ersatzräder vom Dach des
Teamfahrzeugs kurz drüberwi-
schen und anschauen. Ich hab
auch schon viel Räder geputzt,
aber wie schnell, gründlich
und mit welchen Utensilien
Benny zu Werke geht, beeindruckt. Drei verschiedenen
Eimer mit Wasser, unmengen Spülmittel, einen Eimer mit
„so was wie Kaltreiniger“, Bürsten, Schwämme, Pinsel und
sehr, sehr viel Wasser aus dem Gartenschlauch. Benny
wäscht, Hans-Joachim trocknet und schraubt. „Morgen
wird es zum Schluss sehr steil, da wechseln wir alle Ket-
tenblätter und Ritzelpakete. Alle Räder werden genau an-
geschaut, die Schaltungen überprüft, die Reifen
kontrolliert und fein säuberlich an ihrem Platz im Truck
verstaut. Im Hintergrund laufen die Waschmaschine und
der Trockner. In der Hotellobby sitzen ein paar Mitarbeiter
von Selle Italia, die beim Espresso gerade noch ein paar
Merchandising Artikel an die Mechaniker vom Team Aqua
& Sapone verteilt haben. Im Zimmer 206 herrschen sub-
tropische Temperaturen und es riecht nach Latschenkie-
fernöl. Hier hat Jacek seine Massagebank aufgebaut und
bringt die geschundenen Körper wieder auf Vordermann.
Seine Hände streichen tief in
die Muskulatur und Jan Barta
verzieht dabei etwas schmerz-
verzerrt das Gesicht. „Es ist
ganz wichtig dass sich die An-
sätze der Muskulatur nicht
verhärten und Verspannungen
gelöst werden“, sagt er uns
während Barta sich eine eng
sitzende Tight anzieht und auf
den Bauch legt. „Das ist unsere
„Zauberhose“, sagt Jacek und
erklärt uns den Sinn dahinter. „Durch die Kompression
wird der Abtransport von Gewebsflüssigkeit nach der Be-
lastung verbessert und unterstützt so die Regeneration.
Wir nutzen sie auch zur Reise im Auto, oder im Flugzeug,
alles dafür, dass die Jungs keine dicken Beine bekommen!“,
sagt er und lacht. Nun ist der Rücken und die Schultern
dran. Reto Hollenstein kommt ins Zimmer und holt sich
aus dem Reiskocher eine ordentliche Ladung. Parmesan
und Olivenöl drüber, das muß für den ersten Hunger rei-
chen. Im Nebenzimmer liegt Daniel Schorn auf dem Bett
und schaut das Finale von Lüttich-Bastogne-Lüttich. ‚Wie
war es heute für Euch?‘ ‚Kalt!‘ ‚Wie wird es morgen?‘
‚Schnell und dann steil!‘ ‚Was ist der Plan für morgen?‘
‚Aufmerksam fahren und versuchen, Bartozs in die erste
Gruppe im Schlussanstieg zu bekommen.‘ Man merkt, dass
die Fahrer in ihrem Trott sind. Wahrscheinlich weiß keiner,
wie der Ort oder das Hotel heißt – ist ja auch völlig egal.
Ein Ort halt und ein Hotel. So wie andere Etappenorte und
andere Teamhotels. Routine beschreibt die Stimmung am
besten. Was macht Ihr jetzt? Massieren lassen, relaxen und
um 19.00 zum Abendessen mit kurzer Teambesprechung.
Auf den Tischen im Speisesaal liegt schon der Zeitplan für
den nächsten Tag: Wecken um 7:45, Frühstück ab 8.00, Ab-
fahrt vom Hotel um 9:30, Start 10:45. Die Portionen auf den
Tellern sind gar nicht so groß. Salat als Vorspeise, Nudeln
als Zwischengang und noch mal Nudeln als Hauptgang.
Auf dem Tisch der Fahrer steht sogar eine Karaffe Rotwein,
getrunken wird aber fast nur Wasser. Die Stimmung ist lo-
cker aber das Sprachengewirr am Tisch für Außenstehende
unverständlich. Der Abend endet schnell. „Morgen wird
hart“ sagt Jan im Gehen.
Als wir am nächsten Morgen zum Hotel kommen, ist
schon alles in Bewegung. Benny belädt den Teamtruck mit
den Koffern der Fahrer – er ist neben seinem Job als Me-
chaniker noch für das Gepäck zuständig und der Fahrer der
Teamtrucks. Jacek packt schon die Beutel für die Verpfle-
gungsstation, auch er hat mehrere Aufgaben im Team zu
leisten. Unaufgeregt rangieren die großen Team-LKWs
einer nach dem anderen vom Hof und machen sich zum
Teamhotel des nächsten Abends auf den Weg. Die Fahrer
schlurfen aus dem Hotel und setzten sich in eins der be-
reitstehenden Teamautos.
...Plan für morgen?‘
‚Aufmerksam fahren
und versuchen, Bartozs
in die erste Gruppe
im Schlussanstieg
zu bekommen.‘
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