Seite 27 - Bici-1

Basic HTML-Version

pagina #27
www.biciclettadacorsa.de
SCHMERZFREIE ZONE
WWW.GONSO.DE
einmaleins.net
was noch vor mir liegt. Autsch. Das wird hart. Rechts,
links, rechts, links. Die Aussicht ist phänomenal, in jeder
kurve Hängen die Finishertrikots der letzten Jahre. Es hat
im Schnitt 10% Steigung. Noch 5 km. Es wird richtig hart,
100 Tritte im Sitzen, 50 im Stehen. 100 im Sitzen, 50 im Ste-
hen. Noch 4.5 km. Ich fahre alle Kurven ganz außen, um
wenigsten da mal etwas Druck rausnehmen zu können.
Rechts, links, rechts, links. ‚Was ist das da eigentlich für
ein Gletscher?‘ ‚ wann hab ich meiner Frau das letzte Mal
gesagt, dass ich Sie liebe?‘ ‚ wie weit ist es noch?‘ – rechts,
links, rechts, links - ‚ich muß Tom unbedingt mal wieder
anrufen und mich bei Hansi für den blöden Spruch vor-
letzte Woche entschuldigen‘ – rechts, links, rechts, links.
Noch 3 km. Fast geschafft. Euphorie kommt hoch. Die
Augen werden feucht. Ist das hart, ist das schön. Die letzte
Kehre, die Tunnel, das Schild „Passo Passorombo“, wieder
Sound. Was für ein Gefühl. Weste raus, Ärmlinge hoch und
ab geht’s. Die Abfahrt ist ein wahrer Genuss. O.k. den Zwi-
schenanstieg zur Mautstelle kurz vor Hochgurgel braucht
kein Mensch, aber jetzt ist‘s auch schon wurscht. Ober-
gurgl, Zwischenwasser, eine kleine Steigung noch, die ich
„auf dem Blatt“ wegdrücke, zwei Kurven, der Wertstoffhof
und da steht es: weiß blau. DAS Ortsschild. Mein Orts-
schild. Sölden! Gletscherstraße, M-Preis. Gaislachkogel
Bahn, die Dorfstraße nimmt kein Ende. Rechts ab, über die
Brücke und über den Zielstrich. Das erste Mal schaue ich
auf die Zeit und bin zufrieden. Genau in dem Bereich, den
ich mir ungefähr ausgerechnet hatte. Ich suche die Zu-
schauer ab und sehe meine Frau. Schön Dich zu sehen,
schön dass Du da bist, schön, dass ich Dich habe! Ich hab
Dir viel zu sagen!
Im Ziel, auf dem Weg zum Hotel und im Hotel wird jedem,
der in Radklamotten mit der Startnummer drauf unter-
wegs ist, gratuliert. Und natürlich kommt die obligatori-
sche Frage: „Und?“
Wir setzten uns an einen Tisch, ich bestell ein großes Rad-
ler und erzähle: Schön, unglaublich schön. Ich hatte selten
so schöne Momente auf dem Rad. Ich war selten so frei im
Kopf, man vergisst alles und erinnert sich an vieles. Es hat
was Meditatives. Es ist hart, sehr hart, aber schön.
Wir müssen etwas warten bis Guido kommt. Als er auch
auftaucht umarmen wir uns. Geil! Beide haben wir´s ge-
schafft, was für eine Runde, was für ein Tag, jeder sprudelt,
keiner spricht von Zeiten.
‚Was für ein Tag! was für eine Leistung! was für Gefühle!‘
denke ich, als ich auf den Parkplatz am Gletscherrestau-
rant in Sölden fahre. Und ich hab immer noch Gänsehaut
und auch a bisserl feuchte Augen.