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Auf der ersten Steigung rollt´s, schnell ist
auch die 18% Rampe gemeistert und der
Sound des Red Bull Soundcar, das oben am
Paß steht ist zu hören. An der ersten Labe
gibt es die berühmten Ötztaler Kugeln, Fla-
schen aufgefüllt, einen Schluck Suppe,
Reißverschluss zu und ab nach Innsbruck.
Im Inntal folgt das einzig flache Stück der
Runde. Mir fallen die Worte von Ernst Lo-
renzi wieder ein: Du musst beim Ötztaler
nur 100 km bergauf fahren, der Rest ist
bergab. Es geht vorbei an der Berg Isel
Schanze und rauf zum Brenner. Auf dem
Papier der einfachste der vier Berge, vor
dem mich aber jeder gewarnt hat. ‚Ja nicht
zu schnell‘ denk ich mir und suche eine
gute Gruppe. Wir wechseln gut durch, es
ist warm, die Sonne strahlt und ich wun-
der mich die ganze Auffahrt über die Dame
im Lang/langen schwarzen X-Bionic Outfit.
Es ist ruhig in unserer Gruppe, ich sehe Fi-
nishertrikots aller großen Radversantaltun-
gen und sehr unterschiedliche Typen. Auch
am zweiten Passo, kurz nach der Landes-
grenze, steige ich an der Labe nicht vom
Rad. Essen, Trinken, Flaschen auffüllen,
noch ein Riegel und eine Banane und wei-
ter geht´s – nur nicht den guten Tritt ver-
lieren. Schon bald rollen wir durch
Sterzing, biegen wieder rechts ab und fah-
ren auf den Jaufenpaß zu. 15,5 km 1130 Hö-
henmeter. Ewig geht es durch den Wald,
durch kleine italienische Orte und an Ho-
tels vorbei. Eine Kurve, noch ein Kurve,
Wald, Gerade, Ort, Kurve. Es zieht sich. Ich
bin schon lang wieder im 1. Gang und trete
rechts, links, rechts, links. Der Blick und
die Gedanken schweifen. Noch 8 km, noch
7, noch 6, noch 5, die Baumgrenze ist er-
reicht und die nächste Labe schon in Sicht-
weite. Ich stell das Rad das erste Mal ab,
nehm mir etwas Zeit, esse Suppe mit viel
Salz, Riegel, Bananen und ein paar Schei-
ben Orange. Wieder in den Sattel und die
restlich Höhenmeter bis zum Paß gekur-
belt. Die Abfahrt hat es auch in Sich,
schnell, kurvig und teilweise ist die Straße
in sehr schlechtem Zustand und ich bin
kein guter Abfahrer. Ich versuch zu beher-
zigen, was mir die Jungs von Carbon Sport
über das Bremsen mit Carbonlaufrädern
gesagt haben: Keine Schleifbremsungen,
kurz und hart.
St. Leonhard ist erreicht. Wieder geht es
rechts. Der Anstieg zum Timmelsjoch be-
ginnt eigentlich direkt in der Ortschaft,
keine Meter gerade, runter vom Jaufen,
rauf auf´s Timelsjoch. Scheiße, nach 1 km
ist schon wieder der erste Gang drin. 28
km to go. Ich rechne: 28 km, bei 13 km/h
im Schnitt macht 2 Stunden 10 min. Nur
bergauf. Eigentlich rechne ich die ganze
Zeit: Höhenmeter? nächste Labe in wieviel
km? Paßhöhe? Und wann? Rechnen, tre-
ten, nachdenken. Ich hab Zeit, keine Ent-
scheidung für die nächsten 2 Stunden, nur
rechts, links, rechts, links. Die Gedanken
fangen an zu kreisen. Ich denke an meine
Frau und unseren Sohn, an Italien und un-
sere Hochzeit hier, das erste Mal bekomme
ich feuchte Augen. Links, rechts, links,
rechts, noch 16km, ca. 1:20 Stunden. Die
vorletzte Labe ist erreicht. Danach geht es
– Gott sei Dank ein Stück „gerade“, die Ge-
schwindigkeit steigt, die Kilometer schwin-
den. Ich komm aus dem Wald und sehe
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