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In Sölden selbst ist das Ötztaler Wochenende mit dem
beim Worldcup Opening zu vergleichen. Der Ort ist voll bis
zum letzten Bett, es liegt eine ganz eigene, gespannte Stim-
mung über allem. Der große Unterscheid ist jedoch: Beim
Skirennen im Oktober starten 80 professionelle Rennläufer,
beim Radmarathon 4.500 Starter. Die Leute sind zum Mit-
fahren angereist, nicht zum Zuschauen oder anfeuern.
Jeder Teilnehmer ist euphorisiert, angespannt und erledigt
mit Emsigkeit die letzten Besorgungen. Ein Bag für´s Ober-
rohr für die Gels wird noch gekauft, Kompressionsunter-
wäsche getestet und in allen
Garagen wird noch mal die
Schaltung überprüft. Auf der
Straße oder vor den Ständen
der Aussteller reicht ein
„Und?“ um ins Gespräch zu
kommen, um Kilometerleis-
tung, Vorbereitung und Über-
setzung zu erfahren. Beim
Abendessen – natürlich Pasta –
kann man Geschichten zu
jedem der 238.000 Meter hören, zu jeder „anspruchsvollen
Kurve“ und natürlich zum „Scharfrichter“, dem Timmels-
joch. Ich versuche locker zu bleiben und hoffe auf das Wet-
ter. Meine Parole steht: Bei Regen fahre ich keinen Meter!
Und wenn ich so aus der Hotellobby nach draußen schaue,
kann ich morgen wohl doch ausschlafen: Schneeregen bei
2 Grad!
Am Samstagabend treffe ich Frank Wörndl, der auch
wegen einer Wette im Winter und, genau wie bei mir,
wegen der großen Klappe morgen an den Start muß. Er
sitzt mit Jan Ullrich am Tisch, seinem Edelhelfer. Eine gute
Gelegenheit, mal mit einem richtigen Radstar zu quat-
schen. Ich setzte mich und eröffne das Gespräch: „Und?“
Beide erzählen von Ihrer „Streckenbesichtigung“ von vor 6
Wochen, Hungerrast bei Jan, Krämpfe bei Frank. Danach
hat Jan noch mal richtig trainiert – 6 Wochen, 6000 km, 7
kg weg. Er fühle sich gut und freue sich auf das Rennen.
Früher, erzählt er, habe er nichts von all dem Flair mitbe-
kommen, war abgeschirmt im Teamhotel, im Teambus und
Startblock. Dann sieben Stunden treten und wieder zurück
in die Abgeschiedenheit des Teams. Hier erlebe er zum ers-
ten Mal seit langen „Rennfieber“ und er findet es großar-
tig. Seine Augen sprechen Bände!
Ich verabschiede mich von den beiden und geh noch mal
vors Hotel um das Wetter zu checken: Es hat aufgehört zu
regnen, die Sterne funkeln.
O.K. D-Day!!!
Der Wecker klingelt um 5:00.
Ich steh auf, zieh die Radkla-
motten an und geh zum Früh-
stück. Nudeln in drei
Variationen? Um 5:15 Uhr? Ich
greife zum Müsli und starkem
österreichischen Kaffee. Da-
nach zurück ins Zimmer, Ärm-
linge, Knielinge, Weste, die
Trikottaschen voll mit Gel, Reifen nachgepumpt, die Rat-
schen der Schuhe klicken. Es kann losgehen!
Im Startblock das übliche Treiben. Blöde Sprüche, das
letzte mal Pinkeln gehen, warten und frieren. Es ist 6:30
und hat 2 Grad. Wir rollen durch Sölden, neutralisiert. Kurz
hinter dem Ortschild gibt Ernst Lorenzi das Rennen frei.
Die Geschwindigkeit steigt, im Peleton rollen wir mit über
50 km/ die ersten 30 Kilometer bergab Richtung Ötz. Es ist
saukalt. 38 min nach dem Start sind wir am Kreisverkehr
in Ötz, rechts abbiegen und es geht das erste Mal bergauf.
Rauf zum Kühtai, 18,5 km. Ich versuche, nicht zu schnell
nach oben zu schalten und meinen Rhythmus zu finden.
Den Tacho hab ich so eingestellt, dass ich nur Geschwin-
digkeit, Kilometer und Höhenmeter angezeigt bekomme.
Am Lenker klebt die Marschroute: Kühtai rein, raus, Bren-
ner rein, raus, Jaufen rein, raus und Timmelsjoch.
Im Startblock
das übliche Treiben.
Blöde Sprüche, das
letzte mal Pinkeln gehen,
warten und frieren.