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I
rgendwie dreht sich bei Firmengründungen und Erfolgs-
storys aus den USA am Anfang immer alles um eine Ga-
rage oder, wie im Fall von Mike Sinyard, um einen VW
Bus und einen Wohnwagen. Den VW Bus musste Mike für
1.500 US-Dollar verkauften, um sich die Reise nach Europa
zu finanzieren. Der Wohnwagen war Firmenzentrale, Lager
und Mitarbeiterwohnung zugleich. Eine wilde Zeit!
Heute macht Mike mit seiner Firma Specialized pro Jahr 500
Mio US Dollar Umsatz. Er sitzt in einem Büro in einem zwei-
stöckigen Gebäude, das wie ein Museum aussieht. Die Besu-
cher-Lobby ist ein Nachbau von Mike Sinyards altem VW-Bus
– hier werden das Race-Bike des Weltmeisters im Zeitfahren,
Fabian Cancellara, und das des Tour-de-France-Gewinners
2010, Alberto Contador, ausgestellt.
Es war aber kein leichter und geradliniger Weg. Nach dem
Abschluss seiner Ausbildung 1972 beschloss er, durch Europa
zu radeln. Er verkaufte seinen alten VW-Bus für 1.500 US-Dol-
lar, um die Reise zu finanzieren. Nach drei Monaten auf Tour,
lernte er in einem Hostel im Mailand eine Schweizerin ken-
nen. Sie kannte einige italienische Fahrer und bot an, für ihn
den Kontakt zu den Leuten bei Campagnolo und Cinelli her-
zustellen.
So kam er mit Cino Cinelli zusammen. Beim ersten Meeting,
im extra neu dafür angeschafften Anzug, übertrieb er ein
bisschen und behauptete, er sei mit allen Top-Fahrern aus
den USA vernetzt. Schließlich kaufte Mike für seine letzten
1.200 Dollar so viele Lenker und Vorbaue wie möglich – Teile,
die man damals in den USA nicht ohne Weiteres bekommen
konnte. Als er nach San Jose zurückkehrte, besaß er keinen
Cent mehr. Und da Mike zu dieser Zeit kein Auto besaß,
mußte er die Parts mit dem Fahrrad abholen. Von Morgan
Hill bis zum Flughafen von San Francisco waren es 225 Kilo-
meter insgesamt. Als Lager diente der Platz unter seinem
Wohnwagen.
Danach erst überlegte er, wie er die Komponenten ohne Auto
am effizientesten an den Mann bringen konnte, also rüstete
er sein eigenes Bike damit aus und radelte zu den Bike-Shops
in der Nähe. Natürlich waren die Händler skeptisch aber sie
kauften die Produkte und warteten ab.
Bald war die erste Lieferung komplett verkauft, aber Mike
hatte kein Geld verdient. Die Bank wollte keinen Kredit
geben, also probierte er es mit einer anderen Taktik: Er sagte
den Bike-Shops, dass, wenn sie ihm für weitere Komponen-
ten Bargeld im Voraus gäben, könne er Ihnen ein Rabatt
geben. So finanzierte er das Unternehmen die folgenden ein-
einhalb Jahre.
Zu dieser Zeit verkaufte er seine italinischen Komponenten
an ungefähr 25 Bike-Shops, die meisten davon im Einzugsge-
biet von San Francisco. Mit seinen Wohnwagen als Sicherheit
gab ihm die Bank schließlich seinen ersten Kredit – 1.500 Dol-
HELDEN
DES
RADSPORTS
MIKE
SINYARD