Seite 18 - Bici-1

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Plötzlich verstehen wir, warum das Essen hier rustikaler
ist als woanders in Italien und warum die San Giovese
Traube aus der der Chianti gekeltert wird, demWein seine
unvergleichliche Rauheit ver-
leiht. In allem spiegelt sich der
Charakter des Chianti wider.
Aber gleich reißt uns die
nächste Schotterrampe aus
unseren Gedanken und die Un-
terhaltungen machen schwe-
rem Atem Platz. 17% auf
Schotter mit einem Schlauch-
reifen und 42 – 24 als kleinste
Übersetzung. Die Trittfrequenz ähnelt mehr dem Stampfen
einer Dampflok als einem runden Tritt. Gott sei Dank war-
tet oben in Radi die erste Verpflegungsstelle – und damit
für jeden Neuling die nächste Überraschung. Das einzige,
was man wie bei anderen Radsportveranstaltungen findet,
sind Wasser und Bananenstücke. Ansonsten gibt es Salami
auf Ciabatta statt Energieriegel, Rotwein statt Isodrink. Und
außerdem noch Prosciutto Crudo, Soppressata, Bergkäse,
Bergkäse mit Honig, Ciabatta mit Rotwein getränkt, Can-
tuccini, ein Mandelgebäck, verschiedene Kuchen und Pan-
forte die Siena. Bei der nächsten Station in Asciano serviert
man uns sogar noch eine Ribollita, einen toskanischen Ge-
müseeintopf. Aus einem Kupferkessel über offenem Feuer
geschöpft in Terrakottaschüsseln und mit uraltem Besteck,
das wir in die Hand gedrückt bekommen. „Aspetti!“ ruft
mir die Köchin in den alten Klamotten zu und gießt mir
noch ein paar Esslöffel Olivenöl darüber. „Uova – Uova“
schreit jemand, der sich durch
die verstaubten Ciclisti drängt.
Er verteilt rohe Eier – Eiweiß-
nachschub wie vor 50 Jahren.
BeimWein müssen wir uns zu-
rückhalten. Schließlich haben
wir noch mehr als 50 Kilome-
ter vor uns. Aber zwei, drei
kleine Gläser – Gläser, nicht
Plastikbecher - dürfen es schon
sein. Lieber Gott wie kann ich heute noch soviel fahren, wie
ich hier essen möchte?
Nach einer Stunde und gefühlten 3000 Kalorien reißen wir
uns los und schwingen uns wieder auf unsere Räder. Wieder
schinden wir uns steile Schotterrampen hoch, nur um uns
ansatzlos in eine Abfahrt zu stürzen, die schon auf Asphalt
eine Menge Konzentration erfordert. Normalerweise wür-
den wir auf einem Rennrad nicht einmal darüber nachden-
ken dort zu fahren. Die nächsten 10 Kilometer sind der
Scharfrichter der Eroica. Immer mehr müssen den steilen
Anstiegen Tribut zollen und schieben. „Bravi – Bravi“ Rufe
begleiten die paar, die es schaffen die Rampen im Sattel
durch zu drücken. Zur Belohnung gönnen wir uns im nächs-
ten Dorf einen doppelten Espresso und rufen diesmal den
anderen im Vorbeifahren anerkennend unser „Bravi“ zu.
Noch einmal müssen wir hoch zum Castello di Broglio,
diesmal von der anderen Seite, und kämpfen um die Ehre,
die ganze Strecke ohne abzusteigen geschafft zu haben.
Die letzten Kilometer bis Gaiole reihen sich die schon
etwas müderen hinten ein und wir rollen mit einem dicken
Grinsen ins Ziel. Als Trophäe bekommen wir kein Finisher
T-Shirt sondern eine Flache feinsten Chianti in einer spe-
ziellen Eroica Flasche und ein Panforte di Siena. Die Eroica
ist ganz sicher eine Sportveranstaltung, bei der man zwar
den ganzen Tag im Sattel sitzt, sich schindet, Schweißrän-
der am Trikot hat, der ein oder andere auch ein blutiges
Knie – aber mehr Kalorien verbrennen als zuführen kann
man hier nicht.
Morgen wird es mir unendlich schwer fallen, mein Rad zu
putzen und damit den Staub abzuwischen, der sich fein
über alles gelegt hat und dafür sorgt, dass die Räder alle-
samt einen Pastellton bekommen haben. Und der davon
zeugt, wie man sich auf über 70 der 135 Kilometer auf
Schotter geschunden hat und der stets an den schönsten
Tag auf dem Rad erinnert. Vielleicht trink ich auch ein Glas
Wein und lass das Putzen.
Text: Ralf Jirgens
Salami auf Ciabatta
statt Energieriegel,
Rotwein statt Isodrink.
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