Seite 16 - Bici-1

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Schon nach wenigen Kilometern fühlt man sich um dreißig,
vierzig Jahre zurückversetzt. So mancher fährt auf einem
Rad, das deutlich älter ist als der Fahrer selbst. Carbon oder
Alu? Nein Danke! Brems/Schalthebel? Wozu? Funktionsbe-
kleidung? Nicht stylish! Hier
regieren filigrane Stahlrah-
men, matt-silberne Campa-
gnolo Komponenten auf
denen „Nuovo Gran Sport“
steht, Wolltrikots in denen im Lauf des Tages der Staub der
Strade Bianchi besonders gut hängen bleibt und Pedale mit
Haken und Riemen. Wie vor 30 Jahren werden Alfredo
Binda Riemen bestaunt, als wären sie die neueste Errun-
genschaft der Pedaltechnologie.
Spätestens nach 30 Kilometern, davon schon fast 15 auf
Schotter, sind wir aber froh über den Komfort der alten
Stahlrenner. Unbewusst trotzen wir der Gewichts-/Steifig-
keits Hysterie und ein paar Kilometer später fragen wir uns
ernsthaft, wozu wir diese eigentlich brauchen. Längst
haben wir uns daran gewöhnt dass wir nur vier oder fünf
Ritzel haben, jeden Gang suchen müssen und die Räder
mehr wiegen als ein Mittelklasse Mountain Bike. Wir ge-
nießen. Jeden Schotterstein,
jeden Kilometer und das Auf-
gehen der Sonne in der Ab-
fahrt vom Castello. Zum
ersten Mal können wir in die
weite Hügellandschaft des Chianti sehen über die die
Sonne jetzt klettert und alles in unglaubliches Licht taucht.
Gleichzeitig fordert die erste Schotterabfahrt aber auch die
ganze Konzentration. Teilweise geht es über 15% bergab
und manch einer wünscht sich jetzt auf einem Mountain
Bike zu sitzen. Schnell erkennt man die alten Rennfahrer:
Laufen lassen, Hände locker am Lenker und wenig brem-
sen. Nach ein paar Kilometern kommen wir wieder auf
Asphalt und ein „Oooh“ geht durch unsere Gruppe. Die
Strade Bianche machen unglaublich viel Spaß.
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